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TU Berlin

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Fiktion im Recht

Thomas-M. Seibert, Landgericht Frankfurt am Main

Summary. If signs normally refer to existing things, then the statement that there are fictions, i.e. signs which do not refer in this way, changes the sign concept. According to the authors of the present journal issue various kinds of fiction underlie legal procedures: 1. fiction a a transposition of the meaning of words of every-day language, which invalidates the usual rules of syntactic transformation (as in "fathers without paternity"); 2. fiction as a schematic claim of a state of affairs in support of a judgement (as in "instigation to violence"); 3. fiction as a contrafactual pragmatic rule in the lawsuit (as in "the right to silence"); 4. fiction as an idea legitimizing the procedures of law (e.g. "justice").

Zusammenfassung. Wenn Zeichen normalerweise auf Existierendes Bezug nehmen, verschiebt die Behauptung, es gebe Fiktionen, d.h. Zeichen, die nicht in dieser Weise Bezug nehmen, das Zeichenkonzept. Die verschiedenen Arten von Fiktionen, die die Beiträge des vorliegenden Heftes in der Rechtspraxis nachweisen, sind: 1. Fiktion als Verschiebung der Bedeutung von Wörtern der Alltagsprache, wodurch gewohnte syntaktische Transformationsregeln außer Kraft gesetzt werden (vgl. "Väter ohne Vaterschaft"); 2. Fiktion als schematische Behauptung des Bestehens eines Sachverhalts zur Begründung eines Urteilsspruchs (z.B. "Aufreizung zur Gewalt"); 3. Fiktion als kontrafaktische pragmatische Regel im Gerichtsverfahren (vgl. "das Recht des Angeklagten, zu schweigen"); 4. Fiktion als handlungsleitende Vorstellung, durch die das Gerichtsverfahren legitimiert wird (z.B. "Gerechtigkeit").

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"Die Menschenwürde gilt als unantastbar". Zur Rhetorik der juristischen Fiktion

Gerhard Struck, Universität Hamburg

Summary. The present contribution treats the question of how lawyers create the intellectual mist surrounding legality which enables them to exert power. How do lawyers utilize natural languages such as German to achieve their awe-inspiring incomprehensibility? From among the many factors involved, two are analyzed in depth: the common interpretation of jurisprudence as a scientific practice and the use of fiction as a form of communication within that practice.

Zusammenfassung. Der vorliegende Beitrag behandelt die Frage, wie Juristen den Nebel des "Juristischen" erzeugen, in dessen Undurchschaubarkeit sie Macht ausüben. Wie bewirken Juristen, daß sie in einer offenbar Ehrfurcht gebietenden Weise unverständlich bleiben, wenn sie doch deutsch sprechen? Aus dem Ursachenbündel ? es ist sicherlich eine Vielzahl von Ursachen beteiligt ? werden hier zwei Elemente genauer untersucht: das Verständnis von Jurisprudenz als Wissenschaft und der Gebrauch von Fiktionen als Verständigungsform in ihr.

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"Der Richter gilt als unparteilich". Fiktionen des Rechtsverfahrens

Thomas-M. Seibert, Landgericht Frankfurt am Main

Summary. The role of fiction goes beyond legal semantics. Lawyers win time through fictions. Lengthy proceedings for the ascertainment of "reality" become unnecessary when they are replaced by ideas about reality (cf. chapter 1). Since this replacement is usually justified on the basis of a sign referring to a "thing" or representing some "reality" (2.1), it reveals the underlying conceptions of signs and of law (2.2). Ideas about law which are indispensable for legal practice (3.1) lend themselves to mystification when they are taken out of context (3.2). This is exemplified by the central procedural principle of impartiality which is shown not to be tied to primary "reality" (3.3).

Zusammenfassung. Die Rolle der Fiktion beschränkt sich nicht auf ihren juristisch-technischen Charakter. Mit Fiktionen gewinnen Juristen Zeit. Sie machen ein langwieriges Verfahren, in dem "Wirklichkeit" zu ergründen wäre, überflüssig und ersetzen es durch Vorstellungen über Wirklichkeit (dazu 1). Für diese Ersetzung ist die Beziehung eines Zeichens auf ein "Ding" oder die Bezeichnung einer "Realität" der Prüfstein (2.1), von dem aus die Zeichenkonzeption und der Rechtsbegriff deutlich werden (2.2). Der Rechtsbegriff beruht wesentlich auf Vorstellungen über Recht (3.1), die unentbehrlich sind, deren Verabsolutierung aber der "Verschleierung" dient (3.2). Wie weit die Fiktivität geht, läßt sich daran erkennen, daß ein zentraler Verfahrensgrundsatz wie Unparteilichkeit nicht primär an "Wirklichkeiten" gebunden ist (3.3).

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"Des Kaisers neue Kleider". Schein und Sollen im Recht

Friedrich Lachmayer, Wien

Summary. "The emperor’s new clothes" are made from the tissue of law. They are projected onto his body with the help of the dichotomies of being vs. appearance and being vs. obligation and then turned into objects of knowledge by jurisprudence and philosophy. The present contribution advocates semiotics, on the one hand, as a theory of the projections which legal practice superposes onto reality and, on the other, as an attitude which puts these projections into relief. What one finds in the place of "the emperor’s clothes" are signs in the form of parables.

Zusammenfassung. "Des Kaisers neue Kleider" sind Kleidungsstücke aus dem Rechtsstoff. Sie werden dem Kaiser mithilfe der Dichotomien von Sein und Schein sowie Sein und Sollen auf den Leib projiziert und von der Rechtswissenschaft und der Philosophie zu Gegenständen des Wissens erhoben. Der vorliegende Beitrag plädiert für Semiotik als Theorie der Projektionen des Rechts und für Semiotik als Haltung gegenüber der Rechtspraxis, die deren Projektionen in den Vordergrund rückt. Es bleiben Zeichen als Gleichnis.

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"Drogenkarriere" oder "Heilsgeschichte"? Zur Herstellung von Übersichtlichkeit im Strafprozeß

Christoph Sauer, Rijksuniversiteit Utrecht

Summary. In this paper, it is argued that previous results of discourse analyses of legal communication have to be completed by semiotic approaches. To the concept of "plausibility" the semiotic concept of "fictionalization" should be added; this term refers to the particular means of representation used in the courtroom, which produces an extensive restructuring of the running interaction. It can be understood as a form of "cross-communication". Some examples are discussed. The actual effect of such "fictionalization" is the production of "lucidity" during the interactions which constitute a criminal lawsuit.

Zusammenfassung. In diesem Aufsatz wird dafür plädiert, die bisherigen Ergebnisse der diskursanalytischen Erforschung juristischer Kommunikation um semiotische Analysen zu ergänzen. Das Konzept der "Plausibilität" wird erweitert um das semiotische Konzept der "Fiktionalisierung": Darstellungsmittel im Gerichtssaal, die umfassende Um- und Neustrukturierungen der laufenden Kommunikation bewirken und als "Querkommunikation" analysiert werden können. Einige Beispiele werden diskutiert. Die eigentliche Leistung der Fiktionalisierungen besteht in ihrem Beitrag zur "Übersichtlichkeit" in einer Strafverhandlung.

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"Sie sind nicht konsequent". Das fiktive Schweigerecht des Beschuldigten

Monica den Boer, Europäisches Hochschulinstitut Florenz

Summary. The red line running through this contribution evolves around the fictitious character of the suspect’s right to silence. It will be argued that in practice, the right’s exercise fails because of its ideological justification through principles of non-coercive communication. Particular attention is paid to the strategic mode in which legal agents attempt to maximalize the obtainment of evidence while respecting the suspect’s rights. The theoretical focus is on the interpretation of the accused’s silence as a symptom of non-cooperation.

Zusammenfassung. Der rote Faden dieses Beitrags spannt sich um den fiktiven Charakter, den das Recht des Beschuldigten, zu schweigen, tatsächlich hat. In der Rechtspraxis scheitert die Ausübung dieses Rechts wegen seiner ideologischen Rechtfertigung durch Prinzipien zwangloser Kommunikation. Besondere Aufmerksamkeit wird den Strategien gewidmet, mit denen Rechtsanwender die Mittel der Beweisführung maximalisieren, auch wenn sie das Schweigerecht respektieren. Der theoretische Schwerpunkt liegt auf der Deutung des Schweigerechts als Symptom der Nicht-Kooperation.

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"Nicht alle Realitäten sind gleich wirklich". Wirklichkeitskonstruktion im Recht und in der Literatur

Peter M. Hejl, Universität GHS Siegen

Summary. Fictionality is described from the point of view of constructionism as a means for the stabilization of internal representations. It is shown that the character, as well as the internal and external effects of that which is described as fiction differ considerably within the domains of law and of literature. This is explained with reference to various historical conditions of system differentiation.

Zusammenfassung. Fiktionalität wird konstruktivistisch bestimmt unter dem Gesichtspunkt der Stabilisierung von Vorstellungen. Es wird gezeigt, daß sowohl der Charakter als auch die systeminterne und -externe Wirkung dessen, was jeweils als "Fiktion" bezeichnet wird, in den Bereichen von Literatur und Recht stark differieren. Dies wird durch unterschiedliche historische Bedingungen der Ausdifferenzierung erklärt.

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"Das reizt zur Gewalttätigkeit auf". Begründungsfiktionen im Jugendmedienschutz

Achim Barsch, Universität GHS Siegen

Summary. This contribution distinguishes between nonfactual fictions, i.e. assumptions of which the reference to reality is irrelevant, from contrafactual fictions, i.e. assumptions about reality which are made with lack of knowledge or against one’s better judgement. It is shown that contrafactual fictions occur essentially in the arguments of the BPS, the office which was set up in West Germany to protect youth against the media. Such fictions include the wide-spread but scientifically undefendable assumption that constant text meanings and text effects exist. Binding verdicts in the legal protection of youth against the media are frequently based upon such fictions.

Zusammenfassung. Der Beitrag unterscheidet non-faktische Fiktionen, d.h. Annahmen, deren Wirklichkeitsbezug irrelevant ist, von kontra-faktischen Fiktionen, d.h. Annahmen über die Wirklichkeit, die als Ersatz für Nichtwissen oder gegen besseres Wissen aufgestellt werden. Es wird gezeigt, daß kontra-faktische Fiktionen an wesentlicher Stelle in den Argumentationen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auftreten. Dazu gehört die Fiktion fester Textbedeutungen und Textwirkungen, die zwar in den Alltagstheorien weit verbreitet, aber wissenschaftlich so nicht haltbar ist. Anders als in literarischen Diskursen werden beim Jugendmedienschutz oft aus solchen Fiktionen rechtswirksame Folgerungen gezogen.

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"Der war’s! Wer sonst?" ? Fiktionen im Rechtsbewußtsein von Laien

Edeltraut Bülow, Universität Münster

Summary. Everyone deals with legal fictions in his world, because everyone’s actions are subjected to rules and laws. In considering the possible consequences of potential violations of law, one produces legal fictions. Such fictions are connected to every-day life through objects (such as uniforms, barriers, arms) which refer to them indexically. These sign constellations are learned by children in the various phases of their socialization. They serve as a basis for the construction of criminal cases and for their reconstruction in stereotyped stories.

Zusammenfassung. Jedermann geht in seiner Welt mit juristischen Fiktionen um, weil sein Handeln Regeln und Gesetzen unterworfen ist. Schon wer die möglichen Folgen potentieller Gesetzesübertretungen überlegt, bildet juristische Fiktionen. Solche Fiktionen sind in der Alltagswelt verankert durch Gegenstände (Uniformen, Sperren, Waffen), die sie indexikalisch bezeichnen. Diese Zeichenkonstellationen werden bereits vom Kind in seinen verschiedenen Sozialisationsphasen gelernt. Sie dienen dem Laien als Grundlage für die Konstruktion von Tathergängen und für deren Rekonstruktion in stereotypisierten Geschichten.

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