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TU Berlin

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Über die Semiosphäre

Jurij M. Lotman, Universität Dorpat, Estland

Summary. Notwithstanding their difference, the semiotic approaches of Peirce and Saussure both proceed from the single sign user, the single sign, or the single code. In contrast, the present article advocates a holistic approach which considers the totality of all sign users, texts, and codes of a culture as one semiotic space: a "semiosphere", which makes sign processes possible. Each semiosphere is characterized by its individuality and homogeneity, by its opposition to the exterior, and by irregularity in its internal structure. The border between the interior and the exterior of a semiosphere is maintained by the mutual strangeness of sign users, texts, and codes and is partially overcome through processes of translation. The irregularity in the internal structure of a semiosphere, which has a center that is surrounded by areas which become increasingly amorphous in the direction of the periphery, is responsible for the inner dynamics of the semiosphere. The center contains the dominating sign systems which include sign users, texts, and codes that are elaborately tuned to each other. In the periphery, there are sign users who barely have a code in common, texts which are incomprehensible because their codes have been lost, and codes which are heterogeneous and fragmentary. The exchange that takes place between interior and exterior and between center and periphery leads to the emergence of new codes, the production of new types of texts, and changes in the sign users which make them receptive to new meaning.

Zusammenfassung. Bei allen Unterschieden haben die semiotischen Ansätze von Peirce und Saussure gemeinsam, daß sie vom einzelnen Zeichenbenutzer, dem Einzelzeichen oder dem einzelnen Kode ausgehen. Demgegenüber wird hier vorgeschlagen, holistisch vorzugehen und die Gesamtheit aller Zeichenbenutzer, Texte und Kodes einer Kultur als semiotischen Raum anzusehen: eine "Semiosphäre", die Zeichenprozesse ermöglicht. Die Semiosphäre ist gekennzeichnet durch ihr Individualität und Homogenität, den Gegensatz von Innen und Außen und die Ungleichmäßigkeit in der Struktur des Inneren. Die Grenze zwischen dem Inneren und dem Äußeren einer Semiosphäre wird durch die gegenseitige Fremdheit der Zeichenbenutzer, Texte und Kodes aufrechterhalten und ist durch Übersetzungsprozesse partiell überwindbar. Die Ungleichmäßigkeit des Inneren einer Semiosphäre, das sich in einen Kernbereich und zur Peripherie hin zunehmend amorpher werdende Bereiche gliedert, ist verantwortlich für die innere Dynamik der Semiosphäre. Im Kernbereich befinden sich die dominierenden Zeichensysteme, in denen Zeichenbenutzer, Texte und Kodes in elaborierter Weise aufeinander abgestimmt sind. Zur Peripherie gehören Zeichenbenutzer, die kaum einen Kode gemeinsam haben, Texte, die unverständlich sind, weil ihre Kodes verloren gegangen sind, und Kodes, die heterogen und fragmentarisch sind. Der Austausch zwischen Innerem und Äußerem sowie zwischen Kernbereich und Peripherie einer Semiosphäre führt zur Schaffung neuer Kodes, zur Produktion neuer Arten von Texten und zu Veränderungen bei den Zeichenbenutzern, die sie für neuen Sinn empfänglich machen.

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Zur Naturgeschichte der Kultur: Gene und Meme

Juan D. Delius, Universität Konstanz

Summary. The similarities between biological and cultural evolution are investigated. A brief chapter sketches the most important types of processes underlying biological evolution. Observational learning is discussed as the essential basis for cultural evolution. This kind of learning is quite common among animals. A song culture based on observational learning is particularly well developed among birds. Memes, neurally coded memory contents, are, analogous to genes, identified as the fundamental protagonists of cultural evolution. The similarity of memes with genes of symbiont organisms is emphasized. Some of the more striking parallels between biological and cultual evolution are discussed on this basis.

Zusammenfassung. Den Ähnlichkeiten zwischen biologischer und kultureller Evolution wird nachgegangen. In einem kurzen Abriß werden die Prozesse der biologischen Evolution dargestellt. Das Nachahmungslernen wird als Grundlage der kulturellen Evolution hervorgehoben. Solches Lernen ist auch bei Tieren verbreitet. Insbesondere bei Singvögeln kann von einer auf Nachahmungslernen fußenden Gesangskultur gesprochen werden. In Analogie zu Genen werden Meme, neural kodierte Gedächtnisinhalte, als die fundamentalen Protagonisten der kulturellen Evolution dargestellt. Auf die Ähnlichkeit vom Memen mit Genen von Symbionten wird hingewiesen. Auf dieser Grundlage werden auffällige Parallelen zwischen Vorgängen der biologischen und kulturellen Evolution besprochen.

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Visuelle Zeichen, Sprache und Gehirn in der Evolution des Menschen ? Ein Entgegnung auf McFarland

Carsten Niemitz, Freie Universität Berlin

Summary. The author aims at drawing a clearer separation between the different components of language: speech and understanding on one hand, and reading and writing on the other. For a long time the optical channel and the vocal-acoustic part did not evolve together. This contribution argues that the capabilities of reading and writing are phylogenetically much older than the capabilities upon which human speech is based. While the capabilities of reading and writing are not exclusively characteristic for Homo sapiens, speech is an exclusive feature of our species. This article presents a synthetic interpretation of physiological experiments and of anatomical findings, as well as of behavioral observations. A discussion of McFarland’s opinions shows how important the use of unambiguous definitions is for understanding the phylogeny of speech and writing.

Zusammenfassung. In diesem Beitrag wird versucht, eine klarere Differenzierung von Sprechen und Verstehen einerseits und von Lesen und Schreiben andererseits für den wissenschaftlichen Gebrauch vorzunehmen. Eine lange Zeit hindurch sind der optische und der vokal-akustische Kanal unserer Kommunikation nicht zusammen evoluiert. Es wird nachgewiesen, daß die Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben phylogenetisch viel älter sind als jene, auf die sich menschliche Sprache gründet. Während die Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben kein exklusives Charakteristikum für den Homo sapiens sind, stellt das Sprechvermögen ein exklusives Merkmal unserer Art dar. Es wird eine kombinierte Interpretation von physiologischen Experimenten, anatomischen Befunden und Verhaltensbeobachtungen gegeben. In der Auseinandersetzung mit McFarlands Ansichten zeigt sich, wie wichtig der Gebrauch unzweideutiger Definitionen zum Verständnis der Phylogenie des Sprechens und Schreibens ist.

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Über Menschen und ihre Emotionen: Ein Beitrag zur Evolution der GesellschaftÜber Menschen und ihre Emotionen: Ein Beitrag zur Evolution der Gesellschaft

Norbert Elias, Amsterdam

Summary. In the study of human emotions, the human sciences traditionally use two strategies which are both inadequate. Ethology and certain schools of psychology search for the natural constants which characterize human as well as other animal emotions. Sociology and history treat emotions as something spiritual outside the realm of nature. Against the monistic reductionism of the first and the dualistic isolationism of the second strategy, the present contribution argues for a process-oriented approach which investigates both the emergence of emotions in biological evolution and their functions in the development of human societies. A theoretical basis for this research is given by the formulation and discussion of three hypotheses: 1. the occurence of man was an evolutionary breakthrough which led to the dominance of learned ways of steering behavior over unlearned ones. 2. A human being not only has the capacity of learning but is forced to learn in order to become a full functioning human being. 3. No emotion of a grown-up person is ever an entirely unlearned, genetically fixed reaction pattern. Concerning the structure of emotions, it is emphasized that every emotion consists of a physiological, a behavioral, and a feeling component. Whoever reduces the behavioral component to a mere expression of feeling, misunderstands the specific function of emotions in human interaction. Their differentiation through learning and their communication allows humans to live together in a society and makes possible the emergence of culture.

Zusammenfassung. Die Humanwissenschaften verfolgen bei der Untersuchung der menschlichen Emotionen traditionell zwei verschiedene Strategien, die beide ihren Gegenstand verfehlen: Die Ethologie und bestimmte Richtungen der Psychologie suchen nach natürlichen Konstanten, die der Mensch mit anderen Tierarten gemeinsam hat. Die Soziologie und die Geschichtswissenschaft behandeln die Emotionen als etwas Geistiges, außerhalb der Natur Befindliches. Gegen den monistischen Reduktionismus der einen und den dualistischen Isolationismus der andern plädiert der vorliegende Beitrag für eine prozeßbezogene Betrachtungsweise, die zugleich den Stellenwert der menschlichen Emotionen im Rahmen der biologischen Evolution und ihre Funktionen im Rahmen der Entwicklung von Gesellschaften untersucht. Als Grundlage einer solchen Untersuchung der Emotionen werden drei Hypothesen formuliert und diskutiert: 1. Mit dem Auftreten des Menschen hat in der Evolution eine Wende im Verhältnis zwischen angeborener und gelernter Verhaltenssteuerung stattgefunden. 2. Der einzelne Mensch hat nicht nur die Fähigkeit zu lernen, sondern ist gezwungen zu lernen, um ein vollgültiger Mensch zu werden. 3. Die Emotionen erwachsener Menschen sind niemals völlig ungelernte genetisch fixierte Reaktionsmuster. Was die Struktur der Emotionen betrifft, so wird betont, daß jede Emotion aus einer physiologischen Komponente, einer Verhaltenskomponente und einer Gefühlskomponente besteht. Wer das Emotionsverhalten auf bloßen Gefühlsausdruck reduziert, verkennt die besondere Funktion der Emotionen in der menschlichen Interaktion. Ihre Differenzierung durch Lernen und ihre gegenseitige Mitteilung ermöglicht das Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft und damit das Entstehen von Kultur.

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Geschmack an Zeichen: Homo interpres und die Welt als Text

Aleida Assmann, Universität Heidelberg

Summary. The article shows that outside the realm of verbal and nonverbal signs which form a regular part of human interaction, there are other signs taken from the natural and cultural human environment. Cultural history and human psychology both testify to a semiotic appeal of the world, i.e., a basic predisposition of "homo interpres" to detect signs in his surroundings. In the first part, therefore, a theoretical proposal is made to extend the application of the concept "hermeneutics" to this semiotic sphere. In the second part, a typology of signs is proposed that distinguishes various modes of "reading the world as text". The following types of signs are characterized: indices, omina, revelations, emblems, hieroglyphs.

Zusammenfassung. Es gilt zu zeigen, daß es jenseits der verbalen und nichtverbalen Zeichen menschlicher Interaktion noch eine andere Art von Zeichen gibt, die der natürlichen und kultürlichen Umwelt entnommen sind. Kulturgeschichte und Psychologie bezeugen gleichermaßen einen semiotischen Appeal der (Um)Welt bzw. eine naturwüchsige Zeichenbereitschaft des "homo interpres". Im ersten Teil wird deshalb dafür plädiert, dem Begriff "Hermeneutik" einen weiteren Umfang zu geben, als dies gemeinhin üblich ist. Im zweiten Teil wird eine Zeichen-Typologie vorgeschlagen, die es ermöglicht, verschiedene Leseverhalten gegenüber der Außenwelt zu spezifizieren. Als Zeichenmodi werden erörtert (in rein theoretischer und nicht unbedingt konsequent quellensprachlicher Terminologie): Anzeichen, Vorzeichen, Offenbarungen, Embleme, Hieroglyphen.

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