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TU Berlin

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Landkarten als synoptisches Medium


Jahr: 1998
Band: 20
Heft: 1/2

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Dagmar Schmauks und Winfried Nöth
Vorwort

Dagmar Schmauks
Landkarten als synoptisches Medium

Winfried Nöth
Kartosemiotik und das kartographische Zeichen

Hansgeorg Schlichtmann
Kartieren als Zeichenprozeß

Gottfried Hofbauer
Zeit und Raum in der Kartographie: Zur Semiotik geologischer Karten

Bruno Aust
Generalisierung in der Kartographie

Daniel R. Montello
Kartenverstehen: Die Sicht der Kognitionspsychologie

Wolfgang Maaß, Dagmar Schmauks
MOSES: Ein Beispiel für die Modellierung räumlicher Leistungen durch ein Wegbeschreibungssystem

Einlage
Martin Warnke
"Et mundus, hoc est homo". Von einer sehr alten, wieder virtuellen Weltkarte

Diskussion
Evelyn Dölling
Semiotik und Kognitionswissenschaft

Semiotik in aller Welt
Keyan G. Tomaselli, Arnold Shepperson
Die Folgen der Apartheid und ihre Überwindung durch Zeichenanalyse: Semiotik in Südafrika


Landkarten als synoptisches Medium

Dagmar Schmauks, Technische Universität Berlin

Summary. Maps constitute a sign system which is especially suitable for representing spatial relations. This article analyzes the semiotic structure of maps and outlines the variety of possible uses. Reference maps depict parts of the earth’s surface. Thematic maps, in addition, show various facts which are related to the area in question. From a semiotic point of view, maps are highly complex: they combine graphic and textual elements, and on the level of basic signs, all sign functions are to be found (iconic, indexical, symbolic). Using weather maps in the daily press as an example, the author shows how differently the elements of a sign repertoire may be motivated and which problems need to be solved when they are incorporated in a map. In order to delineate their potential for representation, maps are compared with written text. For specific purposes, it is necessary to translate maps into other modalities (tactile or acoustic signs) or into other media (mainly text). The use of computers has greatly increased these possibilities. In conclusion, some common combinations of maps with other sign systems are classified.

Zusammenfassung. Landkarten sind ein Zeichensystem, das vor allem räumliche Beziehungen gut darstellen kann. Dieser Artikel analysiert ihre semiotische Struktur und skizziert die Vielfalt ihrer Verwendungsmöglichkeiten. Topographische Karten bilden Teile der Erdoberfläche ab. Thematische Karten zeigen zusätzlich beliebige Fakten, die mit dem betreffenden Gebiet zusammenhängen. Karten sind semiotisch gesehen sehr komplex: sie kombinieren graphische und textuelle Elemente miteinander, und auf der Ebene der Einzelzeichen findet man alle Zeichenfunktionen (ikonisch, indexikalisch, symbolisch). Am Beispiel von Wetterkarten in der Tagespresse wird gezeigt, wie unterschiedlich die Elemente eines Zeichenrepertoires motiviert sein können und welche Probleme zu lösen sind, wenn sie auf einer Karte eingetragen werden. Um ihr Darstellungspotential festzustellen, werden Karten mit geschriebenen Texten verglichen. Für bestimmte Zwecke ist es nötig, Karten in andere Modalitäten (taktile oder akustische Zeichen) oder in andere Zeichensysteme (vor allem Text) zu übersetzen. Abschließend werden einige gängige Kombinationen von Karten mit anderen Zeichensystemen klassifiziert.

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Kartosemiotik und das kartographische Zeichen

Winfried Nöth, Universität Kassel

Summary. Cartosemiotics, the semiotics of topographic and thematic maps, is a relatively recent branch of applied semiotics. A survey of this field of study shows that the foundations of cartosemiotics derive from various schools and trends of 20th century semiotics. The present paper focuses on a Peircean perspective of cartographic representation. It investigates how cartographic signs relate to the geographical world they represent and how ‘real’ maps differ from mental, fictional, or imaginary maps in this respect. The prototypical sign of cartographic representation is the index, but symbols and icons are also important elements of any code of cartographic representation.

Zusammenfassung. Kartosemiotik, die Semiotik der topographischen und thematischen Karten, ist ein relativ neues Gebiet der Angewandten Semiotik. Ein Überblick dieses Forschungsgebietes zeigt, daß die Grundlagen der Kartosemiotik verschiedenen Schulen und Richtungen der neueren Semiotik entstammen. Im folgenden Beitrag steht eine Peircesche Perspektive der kartographischen Repräsentation im Vordergrund. Insbesondere wird die Relation zwischen den kartographischen Zeichen und der durch sie dargestellten geographischen Welt untersucht, wobei auch der Unterschied zwischen ‘wirklichen’ Karten und mentalen, fiktionalen oder imaginären Karten hinsichtlich ihres Verweises auf die Welt erörtert wird. Als prototypisches kartographisches Zeichen gilt der Index, aber Symbole und ikonische Zeichen sind ebenso wichtige Elemente eines jeden Kodes der kartographischen Repräsentation.

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Kartieren als Zeichenprozeß

Hansgeorg Schlichtmann, Universität Regina (Kanada)

Summary. This article describes the principal processes of sign production in map making, which are subsumed under ten themes. Four of these relate to the creation and organization of sign contents (conceptualization): delimitation of the universe of discourse, global characterization of places, specification of plan traits, and structuring of the cartographic information. Six themes concern the shaping of the sign matter into expressions and the mapping of expressions on contents (transcription): origin of the sign matter, principles of expression-content assignment, pairing of positions on the map with locations on the surface of the earth, anticipation of the operations of the map user, choice of a graphic style, and maxims for technical realization. In conclusion, it is asked how sign production achieves an adequate rendering of the world in the various uses of maps.

Zusammenfassung. Die wichtigeren Prozesse der Zeichenbildung beim Kartieren werden unter zehn Themen subsumiert. Vier von ihnen betreffen das Schaffen und Ordnen von Zeicheninhalten (Konzeptualisierung): Abgrenzung des zu betrachtenden Weltausschnitts, globale Charakterisierung von Örtlichkeiten, Spezifikation von Planzügen sowie Strukturierung der kartographischen Information. Sechs Themen betreffen die Gestaltung der Zeichenmaterie in Ausdrücke und die Zuordnung von Ausdrücken zu Inhalten (Transkription): Herkunft der Zeichenmaterie, Prinzipien der Ausdruck-Inhalt-Zuordnung, Zuordnung von Kartenfeld-Positionen zu Lagen auf der Erdoberfläche, Vorwegnahme von Operationen der Kartennutzung, Wahl eines graphischen Stils und technische Ausführung. Abschließend werden Zusammenhänge zwischen der Zeichenbildung, der Abbildung von Welt und der Kartennutzung betrachtet.

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Zeit und Raum in der Kartographie: Zur Semiotik geologischer Karten

Gottfried Hofbauer, Universität Erlangen-Nürnberg

Summary. Compared to other maps, geological maps contain a very high density of information. Their purpose is to describe the essential geological features of the chosen area. The descriptive character of the map is supported by signs which are mostly iconic, thereby improving the readibiliy of the complex information. To enhance the iconic quality of these maps, further elements are employed: geological sections, columnar sections and verbal instructions in cases inappropriate for graphic representation. In the representation of rock units color selection proves to be especially problematic since several factors come into conflict: aspects of imitation (iconicity), tradition, and aestheticism. Goethe’s proposals for the use of colors in goelogical maps provide an example of historicism. It seems that some of the colors which are taken as merely conventional today were motivated by his ideas concerning the history of the earth as well as by his theory of colors.

Zusammenfassung. Die Geologische Karte besitzt im Vergleich zu anderen Karten eine sehr hohe Informationsdichte. Ihr Anspruch ist die fundamentale geologische Beschreibung des durch den Kartenausschnitt repräsentierten Raumes. Diese hohe Abbildungsleistung wird durch die im einzelnen verwendeten Zeichen unterstützt, die durch ihre starke Ikonizität die Lesbarkeit der komplexen Karteninformation fördern sollen. Um die Ikonizität der Karte weiter zu verstärken, werden ihr in der Regel zusätzliche Elemente beigefügt: das geologische Profil, Säulendiagramme und verbale Erläuterungen für alles, was nicht einer prägnanten schematisch-graphischen Darstellung im Kartenblatt selbst zugänglich ist. Als besonders problematisch für die Darstellung der Gesteinseinheiten erweist sich die Farbwahl. Hierbei konkurrieren gleich mehrere Motive: ikonisch-imitative, konventionelle und ästhetische. Am Beispiel der Vorschläge Goethes zur Farbgebung in Geologischen Karten zeigt sich die Historizität der Zeichenbildung. Manche der inzwischen als konventionell verstandenen Farbgebungen scheinen mit besonderen erdgeschichtlichen Konzepten sowie mit seiner Theorie der Farben verknüpft gewesen zu sein.

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Generalisierung in der Kartographie

Bruno Aust, Universität des Saarlandes

Summary. Cartographic generalization is the semiotic process which occurs in the reduction of maps of a larger scale to those of a smaller one.The possibilities of merely reducing the size of a map are limited. Going beyond half the scale of a given map already requires generalization. It is a very complex semiotic process involving the transformation of existing signs and the creation of new ones. The requirements of two different levels have to be considered: at the object level, it has to be decided which objects can still be represented at the reduced scale and by which means, and at the representation level, the reduced map must remain readable. A sequence of official topographical maps of the same region gradually reduced in scale serves to illustrate these processes of generalization: graphic operations of generalization such as simplification, reduction, or enlargement as distinguished from conceptual operations such as condensation, classification, or evaluation.

Zusammenfassung. An Beispielen ausgewählter amtlicher topographischer Karten wird die kartographische Generalisierung als semiotischer Prozeß erläutert. Unter kartographischer Generalisierung ist die Umformung von Grundkarten in Karten kleinerer Maßstäbde zu verstehen. Rein mechanischen Verkleinerungen sind enge Grenzen gesetzt, bereits bei einer Maßstabshalbierung wird Generalisierung erforderlich. Dies ist eine sehr komplexe semiotische Handlung, bei der die in der Ausgangskarte verwendeten Zeichen verändert und neue herangezogen werden. Die Generalisierung wird von Überlegungen auf zwei Ebenen gesteuert: auf der Objektebene wird entschieden, welche Objekte in die Karte aufgenommen und wie sie dargestellt werden, und auf der Darstellungsebene muß eine gute Lesbarkeit der Karte gewährleistet bleiben. Anhand einer Serie von Kartenausschnitten desselben Gebietes wird im Detail gezeigt, wie die Generalisierung durch begriffliche Operationen wie Zusammenfassung, Klassifizierung oder Bewertung und durch graphische Operationen wie Vereinfachung oder Vergrößerung zu Ergebnissen führt.

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Kartenverstehen: Die Sicht der Kognitionspsychologie

Daniel R. Montello, Universität von Kalifornien, Santa Barbara

Summary. Research on the cognitive psychology of maps is reviewed, including the history and role of cognitive science in understanding maps as symbol systems. Research and theory is organized into four topic areas: knowledge structures and processes involved in map use, effects of map orientation during use, maps as sources of geographical knowledge, and the cognitive development of map skills. The paper concludes with a brief comment about the future of cognitive research on maps.

Zusammenfassung. Die Arbeit sichtet die kognitionspsychologische Forschung zu Landkarten einschließlich ihrer Geschichte und der Rolle der Kognitionswissenschaft beim Verstehen von Karten als Zeichensystemen. Forschung und Theorie werden in vier Themenkreise gegliedert: die am Kartengebrauch beteiligten Wissensstrukturen und -prozesse, die Auswirkungen der Orientierung der Karte bei deren Gebrauch, Karten als Quellen geographischen Wissens und die kognitive Entwicklung von Kartenkompetenz. Ein kurzer Ausblick auf die Zukunft der kognitionswissenschaftlichen Untersuchung von Karten beschließt die Arbeit.

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MOSES: Ein Beispiel für die Modellierung räumlicher Leistungen durch ein Wegbeschreibungssystem

Wolfgang Maaß, Universität des Saarlandes
Dagmar Schmauks, Technische Universität Berlin

Summary. In everyday life, we constantly have to solve spatial problems, and today there are more and more technical devices at our disposal for this purpose. An important source of spatial information are maps, which can now be stored in digitized form in computer systems. Used in combination with a compass, the global positioning system (GPS), and the methods of computer science, digitized maps allow their users to find their way, even in unfamiliar surroundings. From a formal point of view, each spatial task may be divided into those of localization, orientation, route finding, and route description. In order to localize an object, it is essential that there be a system of reference and that the spatial relations to other objects are determined. With this spatial knowledge it is possible to reach one’s goal and to describe the route to it. As an example of this formal approach to route description, this article presents the system MOSES, which is able to incrementally describe the route to a goal for persons who do not know their way around. At branchings, for instance, MOSES selects the correct path to take by automatically choosing salient objects as landmarks and giving directions from the user’s current perspective.

Zusammenfassung. Im täglichen Leben müssen wir ständig räumliche Probleme lösen, wobei wir heute immer häufiger von technischen Hilfsmitteln unterstützt werden. Eine wichtige Quelle räumlicher Information sind Landkarten, die sich in Computersystemen in digitalisierter Form speichern lassen. Koppelt man digitalisierte Karten mit Kompaß, Satellitenpeilung (GPS) und den Methoden der Informatik, so erlauben sie es ihrem Benutzer, sich sogar in unbekannten Umgebungen zurecht zu finden. Von einem formalen Standpunkt aus lassen sich räumliche Aufgaben in solche der Lokalisierung, Orientierung, Wegfindung und Wegbeschreibung einteilen. Wesentlich für die Lokalisierung eines Objektes ist es, daß man ein Referenzsystem und die räumlichen Beziehungen zu anderen Objekten festgelegt hat. Sobald dieses räumliche Wissen vorhanden ist, kann man vom aktuellen Standort aus sein Ziel finden und den Weg dorthin sprachlich beschreiben. Als Beispiel für diese formale Betrachtungsweise stellt die vorliegende Arbeit das Wegbeschreibungssystem MOSES vor, das einem Ortsunkundigen schrittweise während der Bewegung den Weg zu seinem Ziel beschreibt. Beispielsweise gibt MOSES an Verzweigungspunkten an, wie der Weg weitergeht, wobei automatisch auffällige Gegenstände als Landmarken gewählt werden und für Richtungsangaben die Perspektive des Benutzers übernommen wird.

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"Et mundus, hoc est homo". Von einer sehr alten, wieder virtuellen Weltkarte

Martin Warnke, Universität Lüneburg

Summary. The paper describes a map from the High Middle Ages, its origins, contents, and structure as well as some aspects of the underlying way of looking at the world and its documentation by means of digital media.

Zusammenfassung. Beschrieben wird eine bedeutende Karte des hohen Mittelalters, ihre Herkunft, ihr Gehalt, ihre Struktur, einige Aspekte des von ihr verkörperten Weltbildes sowie ihre Dokumentation mit digitalen Medien.

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Semiotik und Kognitionswissenschaft

Evelyn Dölling, Technische Universität Berlin

Summary. This article gives a critical review of the various attempts within the semiotics of the last decade to account for the relationships between cognitive science and semiotics. First, the "interfaces" of cognitive science and semiotics in general are considered. Next, a semiotic perspective of the different paradigms of cognitive science (symbol-theoretic paradigm/computationalism, connectionism and situated-action paradigm) is elaborated. Then two approaches to a new branch of semiotics called "computer semiotics" are discussed. Finally, another new branch of semiotics called "cognitive semiotics" is outlined.

Zusammenfassung. Dieser Artikel gibt eine kritische Darstellung der Versuche in der Semiotik des letzten Jahrzehnts, die Beziehungen von Kognitionswissenschaft und Semiotik zu erfassen. Zunächst werden einige allgemeine Ausführungen gemacht über die "Schnittstellen" von Kognitionswissenschaft und Semiotik. Danach wird eine semiotische Perspektive verschiedener kognitionswissenschaftlicher Paradigmen (symboltheoretisches Paradigma, Konnektionismus und situated-action Paradigma) aufgezeigt. Sodann werden zwei Ansätze zu einer neuen Unterdisziplin der Semiotik, der Computersemiotik, diskutiert. Schließlich wird ein weiterer neuer Bereich der Semiotik, die kognitive Semiotik, skizziert.

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