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TU Berlin

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Inwiefern ist künstlerisches Schaffen ein Äußerungsakt? Die mythologische Antwort von Jörg Immendorff

Jean-Marie Floch, Institut d'Etudes Politiques, Paris

Summary. This contribution investigates the changes in the conceptions of the artistic utterance which are implied by the paintings produced by Immendorff between the seventies and the early nineties. After some methodological considerations, an analysis is given of the figurative axiology underlying these paintings. As is shown, they correlate natural elements with the opposition of life and death. The utterer implied by Immendorff's paintings develops into a "bricoleur" in the sense of Levi-Strauss, and this especially concerns the painter's conception of the relationship between history and art. This development is accompanied by parallel changes in the treatment of pictorial space.

Zusammenfassung. Der Aufsatz untersucht die Änderungen in der Auffassung vom künstlerischen Äußerungsakt, die in Immendorffs malerischem Werk zwischen den siebziger und den frühen neunziger Jahren festzustellen sind. Auf einleitende Bemerkungen zur Methodologie folgt eine Analyse der den Gemälden zugrunde liegenden figurativen Axiologie, die eine Korrelation zwischen den Naturelementen und der Opposition von Leben und Tod herstellt. Wie sich zeigt, entwickelt sich der von Immendorffs Bildern implizierte Äußerer im Lauf der Zeit zu einem "Bastler" im Sinne von Levi-Strauss, was besonders die Auffassung des Verhältnisses zwischen Geschichte und Kunst betrifft. Diese Entwicklung geht einher mit einem Wandel in der Behandlung des bildlichen Raumes.

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Die Fotografie zwischen Tod und Ewigkeit

Lucia Santaella, Pontificia Universidade Catolica de Sao Paulo

Summary. After a survey of the most important studies in the theorie of photography the manifoldness of photography is elaborated. This is done with respect to the essential elements of the photographic process: (1) the photographer in his or her specific difference from the painter and the cineast, (2) the photographic gesture and its consequences for the relationship between photographer, camera, and world, (3) the camera as a medium, (4) the photo as such, (5) the relationship between the photographic picture and its referent, (6) the distribution of photographs and (7) their reception. The Janus-facedness of photography between (a) its physical and its symbolic character, (b) the unique and the repetitive, (c) the fragmented and the intensive, (d) the real and the hyperreal, (e) presence and absence, (f) proximity and separation, (g) coalescence and cut, (h) euphoric and dysphoric responses leads to the reflections on the central topic of this article: the dialectics of photography between death and eternity, which are developed on the basis of Bioy-Casares' novel Morel's Invention.

Zusammenfassung. Nach einer Übersicht über die wichtigsten Arbeiten zur Theorie der Fotografie wird die Vielfalt des Phänomens der Fotografie herausgearbeitet. Das geschieht im Hinblick auf die wesentlichen Elemente des fotografischen Prozesses: (1) den Fotografen in seinem spezifischen Unterschied zum Maler oder Cineasten, (2) die fotografische Geste und ihre Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Fotograf, Kamera und Welt, (3) die Kamera als Medium, (4) die Fotografie als solche, (5) die Beziehung zwischen dem fotografischen Bild und seinen Referenten, (6) die Distribution der Fotografien und (7) ihre Rezeption. Die Janusköpfigkeit der Fotografie zwischen (a) dem Physischen und dem Symbolischen, (b) dem Einmaligen und dem Wiederkehrenden, (c) dem Fragmentierten und dem Intensiven, (d) dem Realen und dem Hyperrealen, (e) An- und Abwesenheit, (f) der Nähe und der Trennung, (g) der Verschmelzung und dem Schnitt, (h) dem Euphorischen und dem Dysphorischen führt anhand des Romans von Bioy-Caseres Morels Erfindung zu Überlegungen zum eigentlichen Thema dieses Artikels: der Dialektik der Fotografie zwischen Tod und Ewigkeit.

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Die Rhetorik des Umrisses: Wie man Grenzen schafft, und wie man sie überschreitet

Francis Edeline (Gruppe æ, Universität Lüttich)

Summary. This contribution investigates the structure and function of contours in drawings and paintings. Part I describes the perceptual basis of lines and analyzes the special type of line called "contour". Five features of lines are postulated which characterize the usual practice of forming contours, i.e., the zero level of a contour. Part II scrutinizes the conceivable deviations from this zero level and analyzes examples from the practice of well-known artists. The usual practice of forming contours is based on the laws of perception, but deliberate violations of this practice can suggest special interpretations of the objects represented.

Zusammenfassung. Dieser Beitrag untersucht die Struktur und Funktion von Umrissen in Zeichnung und Malerei. Teil I beschreibt das Entstehen von Linien im Wahrnehmungsprozeß und analysiert die spezielle Art von Linie, die man "Umriß" nennt. Es werden fünf Merkmale ermittelt, die zusammen die gängige Praxis der Umrißbildung, also die Nullstufe des Umrisses kennzeichnen. In Teil II werden die denkbaren Abweichungen von dieser Nullstufe betrachtet und am Beispiel der Praxis bekannter Künstler der Reihe nach analysiert. Die gängige Praxis der Umrißbildung beruht auf Gesetzen der Wahrnehmung, doch kann die Kunst durch gezielte Verstöße gegen diese Praxis besondere Interpretationen des Dargestellten nahelegen.

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Modelle des ikonischen Zeichens

Börries Blanke, Technische Universität Berlin

Summary. Taking the triadic model of the icon proposed by groupe æ as its starting point, the article focuses on the relationship between similarity and abstractive relevance by comparing this approach to Eco's semiotic categories of ratio facilis and ratio difficilis. The possibility of integrating conventional iconic signifiers into this model is discussed. Finally the relationship between iconicity and pragmatics is examined by taking into account the role of encyclopedic information in the interpretation of iconic signs.

Zusammenfassung. Der Aufsatz geht von dem von der Gruppe æ vorgeschlagenen dreigliedrigen Modell des ikonischen Zeichens aus und thematisiert durch einen Vergleich mit den semiotischen Kategorien der ratio facilis und ratio difficilis (Eco) den Zusammenhang von Ähnlichkeit und abstraktiver Relevanz. Weiterhin wird die Einbeziehung konventioneller ikonischer Signifikanten in dieses Modell diskutiert. Schließlich geht es um die Rolle von enzyklopädischen Informationen bei der Interpretation ikonischer Zeichen und damit um das Verhältnis von Ikonizität und Pragmatik.

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Bild und Wirklichkeit

Hardarik Blühdorn, Universidade de Sao Paulo

Summary. This article proposes to replace the usual folk theories of signs by a more complex conception of the role signs play in human societies. The given world is distinguished from man-made reality and perception is described as the production of pictures which create reality when projected into the world. While perception takes the world as an object, behavior takes it as a project. A considerable part of the behavior of organisms consists in the production of signs which either represent perceptions (such as photos), behavior (such as films), or signs (such as how writing imitates spoken language). Signs have the function of making a given perception, behavior, or sign communicable, but they also serve to anticipate perceptions, behavior, and signs which are as yet unrealized. While signless behavior takes the world as project, signs of this kind (schemata) present reality as a project. The article ends with a discussion of the various types of schema signs which are used by humans to control their perception space, behavior space, and sign space. It postulates the necessity for an elaboration of our folk theories of signs so that we can function better in the cultural reality we have created.

Zusammenfassung. Der vorliegende Beitrag stellt der geläufigen semiotischen Alltagstheorie eine komplexere Auffassung von der Rolle der Zeichen in menschlichen Gesellschaften gegenüber. Er unterscheidet die vorgegebene Welt von der Wirklichkeit der Menschen und bestimmt die Wahrnehmung der Welt als Produktion von Bildern, die, nach außen projiziert, Wirklichkeit entstehen lassen. Während die Welt der Wahrnehmung als Objekt gegenübertritt, nimmt sie dem Verhalten gegenüber den Charakter eines Projektes an. Ein besonderer Teil des Verhaltens der Organismen besteht im Hervorbringen von Zeichen, die entweder Wahrnehmungen abbilden (wie ein Foto) oder Verhalten (wie ein Film) oder Zeichen (so wie die Schrift die gesprochene Sprache imitiert). Zeichen haben einerseits die Funktion, vorgegebene Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Zeichen selbst kommunizierbar zu machen. Sie dienen andererseits dazu, noch nicht verwirklichte Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Zeichen zu antizipieren. Durch Zeichen dieser Art (Schemata) wird nicht nur wie im zeichenlosen Verhalten die Welt sondern auch die Wirklichkeit zum Projekt. Der Beitrag schließt mit der Erörterung der verschiedenen Typen schemaartiger Zeichen, die von den Menschen zur Kontrolle ihres Wahrnehmungs-, Verhaltens- und Zeichenraums eingesetzt werden, und fordert den systematischen Ausbau unserer semiotischen Alltagstheorien, damit wir uns in der von uns selbst geschaffenen kulturellen Wirklichkeit zurechtfinden.

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Das Theaterplakat als Medium zwischen Theater und Gesellschaft: Die Plakate von Stephan Despodov

Ioanna Spassova, Neue Bulgarische Universität, Sofia

Summary. A semiotic analysis of Despodov's theater posters shows that they are complex messages which utilize various sign systems. The linguistic system provides the title of the performance in question, the name of the theater and the artist's signature. However, it is the non-linguistic system of drawn images which reveals the artist's idiolect. A theater poster is an actual metatext of a potential performance. During the process of its creation, the artist translates the atmosphere of the theatre (the theatrical) into the code of the image, using analogical pictorial devices such as synecdoche, metaphor and contamination.  Theater posters thus are autological: they share properties with what they refer to. In this way, they can act as mediators between the stage and passers-by, persuading them to attend a performance.

Zusammenfassung. Eine semiotische Analyse der Theaterplakate des bulgarischen Künstlers Despodov macht deutlich, daß sie komplexe Nachrichten sind, die sich zahlreicher Zeichensysteme bedienen. Die sprachlichen Subsysteme liefern den Titel der angekündigten Aufführung, den Namen des Theaters und die Signatur des Künstlers. Doch ist es das nichtsprachliche Zeichensystem der gezeichneten Bilder, das den unverwechselbaren Idiolekt des Künstlers zeigt. Ein Theaterplakat ist ein aktueller Metatext zu einer zunächst nur potentiellen Aufführung. Beim Prozeß seiner Herstellung überträgt der Künstler die Atmosphäre des Theaters (das Theatralische) in den Kode des Bildes, indem er analoge bildliche Ausdrucksmittel einsetzt, vor allem die Synekdoche, die Metapher und die Verschmelzung. Theaterplakate sind also autologisch: sie nehmen Eigenschaften dessen an, auf das sie verweisen. Damit werden sie zu Vermittlern zwischen der Bühne und den Passanten, die sie überreden, einer Aufführung beizuwohnen.

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Diskussion: Über Greimas und die Folgen. Was nun ?

Jacques Geninasca, Universität Zürich

Summary. The author of this contribution criticizes the model of the generative trajectory, which is fundamental in the semiotic theory of A.J. Greimas. It is shown that the fragmentary illustration given for the convertibility of the various levels of meaning in discourse does not hold up under closer scrutiny. The model of the generative trajectory predicts that meaning in discourse is constituted through the progressive enriching of an elementary deep structure, independently of the actual operations of the utterer. In contrast, it is argued here that meaning in discourse must be constituted through a process of meaning construction which is sucessful only if an adequate strategy for the production of textual coherence is applied.

Zusammenfassung. In diesem Artikel wird das für die semiotische Theorie von A.J. Greimas grundlegende Modell des generativen Parcours einer kritischen Betrachtung unterzogen. Dabei zeigt sich, daß die punktuelle Illustration der Konvertierbarkeit der einzelnen Bedeutungsebenen des Parcours bei Greimas einer näheren Überprüfung nicht standhält. Die Entstehung der Bedeutung eines Diskurses kann nicht, wie es das Modell des generativen Parcours will, als ein von den Operationen einer Aussageinstanz völlig unabhängiger Prozeß der zunehmenden Anreicherung einer elementaren Grundstruktur beschrieben werden. Sie ist vielmehr auf einen Konstruktionsprozeß zurückzuführen, dessen Erfolg davon abhängt, ob eine dem Text adäquate Kohärenzstrategie zur Anwendung kommt.

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Eine Wissenschaft des Besonderen: Anmerkungen zur Auseinandersetzung von Geninasca mit Greimas

Denis Bertrand, Universität Sorbonne Nouvelle, Paris

Summary. From the perspective of the Paris School of Semiotics, the author of this article comments upon the criticism of concepts and models of Greimassian semiotics as formulated by J. Geninasca in his contribution "Was nun?" (cf. p. 341-354). He points out that by linking the concepts of a semiotic square with that of a narrative structure, the model of the generative trajectory allows Greimas to handle both the logical-semiotic and the anthropological aspects of meaning constitution. In addition, he shows how Greimas and Geninasca differ in their account of the role which is played in meaning constitution by the procedures of the utterer.

Zusammenfassung. Aus der Sicht der Semiotischen Schule von Paris wird zu der in J. Geninascas Aufsatz "Was nun?" (vgl. S. 341-354) vorgebrachten Kritik an einer Reihe von Konzepten und Modellen der Greimasschen Semiotik Stellung genommen. Es wird zunächst dargelegt, inwiefern die Verknüpfung des semiotischen Quadrats mit den narrativen Strukturen im Modell des generativen Parcours es Greimas erlaubt hat, die Bedeutungskonstitution zugleich in ihren logisch-semantischen und in ihren ahthropologischen Aspekten zu fassen. Weiter wird erörtert, welch unterschiedlichen Stellenwert Greimas und Geninasca den Äußerungsverfahren bei der Bedeutungskonstitution beimessen.

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Literaturbericht: Vom Sinn des Rechts: Aktuelle Überlegungen zur Rechtssemiotik

Thomas-M. Seibert, Frankfurt am Main

Summary. "Sense" has become a standard term within recent legal semiotics. When there are several options in the application of laws to a given case, a legal decision is called sense-oriented if it fully takes into account the peculiar properties of the situation under scrutiny. Among the approaches towards sense-orientation developed within law-theoretical literature in the last decade, five different schools of thought are presented here. Well entrenched within semiotics of law are Bernhard Jackson's works published under the title "Making Sense in Law". His counterparts are the "Analytical Rhetoric" by Ottmar Ballweg and Katharina Sobota and the "Structuring Legal Theory", in which Dietrich Busse and Ralph Christensen elaborate on the work of Friedrich Müller. "Sense" has also become a central term in the sociological systems theory of Niklas Luhmann, which can be related to the new ways of understanding sense established within postmodern jurisprudence by Kostas Douzinas and Ronnie Warrington, who elaborate upon Lyotard's notion of the "differend".

Zusammenfassung. "Sinn" ist in der jüngeren Rechtssemiotik zu einem Standardterminus geworden. Wo es bei der Anwendung der Gesetze auf einen Rechtsfall mehrere Alternativen gibt, gilt eine Rechtsentscheidung dann als "sinnvoll", wenn sie die besonderen Eigenschaften der betreffenden Situation voll einbezieht. Aus der rechtstheoretischen Literatur des vergangenen Jahrzehnts werden hier fünf verschiedene Ansätze vorgestellt. Besonders gut eingeführt im Rahmen der Rechtssemiotik sind die Arbeiten, die Bernhard Jackson unter dem Titel "Making Sense in Law" veröffentlicht hat.  Ihnen stehen die Ansätze der "Analytischen Rhetorik" von Ottmar Ballweg und Katharina Sobota sowie der "Strukturierenden Rechtslehre" gegenüber, die Dietrich Busse und Ralph Christensen im Anschluß an Friedrich Müller entwickelt haben. Auch in der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann ist "Sinn" zu einem zentralen Schlagwort geworden. Es läßt sich in Bezug setzen zu den neuen Weisen des Sinnverstehens, die von Kostas Douzinas und Ronnie Warrington im Rahmen der postmodernen Rechtstheorie entfaltet wurden und von Lyotards Konzept des "differend" gestützt werden.

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