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TU Berlin

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Einleitung: Chinesische Zeichenkonzeptionen

Hans-Georg Möller, Universität Bonn

Summary. Sinology is a discipline which lacks its own specific method of analysis. As such, it is dependent on those of other academic disciplines. Especially appropriate are semiotic methods since semiotic analysis can be applied to a wide range of cultural and social phenomena. Furthermore, due to its abstract character, semiotic theory enables sinology to advance beyond mere documentary and descriptive methods. On the other hand, China, with its rich "culture of signs" and the development of its own "Chinese semiotics", presents Western semiotics with an interesting field of research. Following the methods of Niklas Luhmann, cultural-semiotic research on China can facilitate the discovery of correlations between sign-structures and social structures. Chinese sign conceptions value the "blank space", construe a "semiotics of presence", and regard certain signs as "revelations". Chinese pragmatics tends to describe art as a process and places less emphasis on the produced work of art. In the analysis of shadows, Chinese semantics is not concerned with the cast shadow but with the shady side as opposed to the illuminated side.

Zusammenfassung. Die Sinologie als Wissenschaft ohne spezifische Methodik ist auf die Methoden anderer Disziplinen angewiesen. Gerade die Semiotik kommt der Sinologie entgegen, weil sie für viele verschiedene kulturelle und soziale Themenbereiche offen ist. Außerdem ermöglicht es ihr theoretisches Abstraktionsniveau, über herkömmliche dokumentarische und deskriptive Darstellungsformen hinauszukommen. Umgekehrt kann China als ausgeprägte „Zeichenkultur" und als Land mit einer neu entstehenden, eigenständigen Semiotik für die „westliche" Semiotik ein interessantes Forschungsfeld bieten. Eine auf China bezogene Kultur-Semiotik kann in Anlehnung an einen Forschungsansatz von Niklas Luhmann Zusammenhänge zwischen Zeichen- und Sozialstrukturen aufdecken. Spezifisch chinesische Zeichenkonzeptionen sprechen dem leeren Zeichen einen besonderen Rang zu, konstruieren eine Semiotik der Präsenz und fassen bestimmte Zeichen als „Offenbarungen" auf. Spezifische Semantiken in China verstehen die Kunst weniger vom Werk als vom Vollzug her und nehmen den Schatten weniger als Schlagschatten und mehr als Schattenseite im Gegensatz zur Sonnenseite wahr.

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Verführte Vögel, verschwundene Maler und vernichtetes Fett: Über Kunstlegenden und Zeichenparadigmen in China und Europa

Hans-Georg Möller, Universität Bonn

Summary. Three legends concerning works of art – one from ancient China, one from ancient Europe, and one from contemporary Europe – are analyzed here to compare the different cultures' basic semiotic paradigms. In the analysis, each of the complex narratives is reduced to its simple semiotic structure to reveal the underlying assumptions regarding the relationship between signifier and signified. The structure that dominated in ancient China is referred to here as a structure of presence since it considers both the signifier and the signified to be equally present entities. In contrast, the dominant paradigm in ancient Europe is a structure of representation that assumes a divide between the signified, which is present, and the "merely" representational signifier. The paradigm which has become popular in "postmodern" Europe regards both the signifier and the signified as being beyond  presence. This paradigm is referred to as a structure of significance.

Zusammenfassung. Durch die Analyse dreier Legenden über Kunstwerke – einer aus dem alten China, einer aus dem alten und einer aus dem gegenwärtigen Europa – sollen Leitvorstellungen über Zeichen in verschiedenen Kulturen miteinander verglichen werden. Dabei werden die komplexen Erzählungen jeweils auf einfache semiotische Strukturen reduziert. Die erste Struktur, die im alten China präsent war, wird als Struktur der Präsenz bezeichnet, da sie auf der gleichwertigen Präsenz von Signifikant und Signifikat beruht. Die für das alte Europa wichtige Struktur der Repräsentation beruht demgegenüber auf einem Bruch zwischen dem präsenten Signifikat und dem es „nur" repräsentierenden Signifikanten. Eine dritte Struktur schließlich, die in der gegenwärtigen „postmodernen" Zeit offenbar populär ist, siedelt sowohl Signifikat als auch Signifikant jenseits jeder Präsenz an. Sie kann als Schema der Signifikanz bezeichnet werden.

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Der Schatten in chinesischer Kunst, Literatur und Philosophie: Leeres Zeichen und Zeichen der Leere

Rolf Trauzettel, Universität Bonn

Summary. This essay proceeds from the astonishing fact that, with only one known exception, the portrayal of cast shadows cannot be found in traditional Chinese paintings. In the first part of the essay, the author tries to explain this absence. He then continues to show that, through the contrast of its variants, the shadow phenomenon has become an important symbol in literature and philosophy: the cast shadow and the shaded area symbolize the empty signifier and the sign of emptiness, respectively.

Zusammenfassung. Dieser Essay geht aus von der verblüffenden Tatsache, dass in der traditionellen chinesischen Malerei – abgesehen von einer bekannten Ausnahme – nie der Schlagschatten dargestellt worden ist. Im ersten Teil wird dafür eine Erklärung versucht. Anschließend wird gezeigt, dass das Phänomen des Schattens in der Differenz von Schlagschatten und schattigem Ort in der Literatur und Philosophie einen hohen Symbolwert gewonnen hat: als leeres Zeichen und als Zeichen der Leere.

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Was Millionen Wörter nicht sagen können: Diagramme zur Visualisierung klassischer Texte im China des 13. bis 14. Jahrhunderts

Michael Lackner, Universität Göttingen

Summary. This article deals with diagrams used as tools for the interpretation of classical Chinese texts. The practice of "tu studies" flourished between the Late Southern Song and the Early Yuan dynasties with a central focus in the Jinhua school. This non-linear analysis of classical Chinese texts frequently unites semantic and syntactic aspects of the interpretation. The article presents possible predecessors of these diagrams, and offers examples of the many advantages of diagrammatic text analysis. Finally, some considerations on diagrams in comparative perspective are made.

Zusammenfassung. Der Aufsatz befasst sich mit einer speziellen Sorte von Diagrammen, die zwischen dem Ende der Südlichen Song-Zeit und dem Beginn der Yuan-Zeit unter anderem in der Schule von Jinhua praktiziert wurden. Diese Form der nichtlinearen Analyse von Texten des chinesischen Kanons vereint häufig semantische und syntaktische Aspekte der Deutung. Mögliche Vorbilder der Diagramme werden vorgestellt und Beispiele für die vielfältigen Vorteile diagrammatischer Textanalyse werden gegeben. Abschließend folgen einige Bemerkungen über Diagramme zu Texten in komparatistischer Perspektive.

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Einlage: Werbung in China

Jari Grosse-Ruyken, Universität Bonn

Summary. Advertisements taken from Chinese newspapers are analyzed with respect to the codes used. On the basis of selected examples it is shown that Chinese advertising no longer concurs with Western ideals. Instead, it takes recourse to ideas of national grandeur and Chinese tradition. However, this is not done consistently. The resulting discrepancies receive special attention in this article.

Zusammenfassung. Dieser Beitrag analysiert Anzeigen aus chinesischen Zeitungen hinsichtlich der in ihnen verwendeten Kodes. Anhand von Beispielen wird gezeigt, dass auch in der chinesischen Werbung eine Abwendung von westlichen Vorbildern stattfindet. Der entstehende Leerraum wird gefüllt durch nicht sehr konkrete Vorstellungen von nationaler Größe und chinesischer Tradition. Dies geschieht jedoch nicht mit großer Konsequenz, und diesem Zwiespalt gilt besondere Aufmerksamkeit.

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Literaturbericht: Semiotik im China des 20. Jahrhunderts

You-Zheng Li, Chinesische Akademie für Gesellschaftswissenschaften, Beijing

Summary. The development of modern semiotics in China began approximately two decades ago. One of the first fields of semiotic research to be introduced was film semiotics. The introduction of semiotics to China was paradigmatic in nature; it prompted a methodological shift towards pluralism in Chinese humanities and social sciences. Chinese semiotics strives more and more to combine Western semiotic theory, upon which it is based, with the analysis of Chinese traditions. The result will be the emergence of independent semiotic theorizing in China. The exchange between Chinese and Western – and especially German – semiotics should be intensified in order to facilitate further progress in the humanities and an internationalization of semiotics.

Zusammenfassung. Seit etwa zwei Jahrzehnten entsteht in China eine moderne Semiotik. Dabei kommt der Film-Semiotik eine Vorreiter-Rolle zu. Die Einführung der Semiotik in China hatte einen paradigmatischen Charakter, denn sie zog einen Wandel zum Pluralismus in der kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Methodik nach sich. Die Semiotik in China ist auf die Rezeption westlicher semiotischer Theorien gegründet, aber man versucht mehr und mehr, diese Theorien mit der Analyse der eigenen Tradition zu verbinden, so dass eine eigenständige chinesische Semiotik entwickelt werden kann. Im Sinne einer Förderung der Kulturwissenschaften sowie einer Internationalisierung der Semiotik ist ein erweiterter Austausch zwischen chinesischer und westlicher – und gerade auch deutscher – Semiotik wünschenswert.

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