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TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Zeichenphilosophie


Jahr: 2000
Band: 22
Heft: 3-4

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Dieter Münch
Zeichenphilosophie und ihre aristotelischen Wurzeln

Frederik Stjernfeld
Die Vermittlung von Anschauung und Denken: Semiotik bei Kant, Cassirer und Peirce

Alexander Dmitrievic Dulicenko
Über die Prinzipien einer philosophischen Universalsprache von Jakob Linzbach

Diskussion
Dieter Münch
Fragen zur Rolle der Zeichenphilosophie in der Semiotik

Einlage
Martin Reiter
Die taktischen Zeichen von Feuerwehr und Katastrophenschutz in Deutschland

Erhebung
Fridolin Ganter
Semiotisch relevante Lehre an Hochschulen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz


Zeichenphilosophie und ihre aristotelischen Wurzeln

Dieter Münch, Technische Universität Berlin

Summary. Signs and semioses, the subject matter of semiotics, can be found everywhere. Moreover, they can be dealt with  in various ways, resulting in semiotics being puffed up in an unhealthy manner and its outline confused. This article, which presents reflections on the history of semiotics, is an attempt to define the original intention of semiotics. It shows that the American as well as the European directions of semiotic work can be understood as part of the Aristotelian tradition and that their topics are connected with the category problem. It suggests that by recourse to this intention semiotics will find a way out of its present crisis.

Zusammenfassung. Da sich die Gegenstände der Semiotik, die Zeichen und Zeichenprozesse, überall finden und in ganz unterschiedlicher Weise behandelt werden können, hat sich die Semiotik in ungesunder Weise aufgebläht und dadurch ihre Konturen verloren. In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, die ursprüngliche Intention der Semiotik durch Reflexion auf ihre Geschichte zu bestimmen. Es wird gezeigt, dass sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Richtungen der Semiotik in der aristotelischen Tradition stehen und ihre Fragestellungen und Probleme aus dem Kategorienproblem hervorgegangen sind. Wenn die Semiotik aus ihrer Krisis herauskommen will, wird sie gut daran tun, diese Intention wieder aufzugreifen.

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Die Vermittlung von Anschauung und Denken. Semiotik bei Kant, Cassirer und Peirce

Frederik Stjernfelt, Universität Kopenhagen

Summary. The paper presents the concepts of symbol and schema in Kant's work and discusses their elaboration by Ernst Cassirer and Charles S. Peirce. In Kant, the schema unites concept and intuition and thus becomes a condition for the possibility of objective science, while the symbol is an indirect schema - in present language: a metaphor. In Cassirer’s view the symbol becomes a general concept embracing all articulations of the human spirit, while the schema preserves its central place, now as the driving force in Cassirer's three-step interpretation of human civilization, ranging from Ausdrücke to Darstellungen and reine Bedeutungen. In this process, an important role is played by so-called "symbolic conciseness": symbolic conciseness can be regarded as a spontaneously occurring schematism which produces stable signs in the flux of Ausdrücke. In Peirce, a comparable schematic role is played by the diagram. It unites the similarity-based category of icons with that of symbols, which in Peirce's theory are general, thought-like signs. In his systems, diagrams become the very conditions for the possibility of any thought, thought always being general but able to subsume  a continuous range of individual iconic cases. The article also argues that both of Kant’s successors  share several interesting epistemological points of view. On the one hand, they 'phenomenologize' Kant: the object is no longer seen as a product of the mind's ability to synthesize; rather, it is presented as an undifferentiated whole which may in turn be analyzed in various ways by means of schematisms. On the other hand, they aim at a semiotics which implies an epistemology: Kant’s very concept of schematism entails an analysis of the intrinsic architecture of a sign’s signified, which necessarily combines thought and imagination. In this respect, both semioticians transcend the Saussurian concept of the sign, in which the definition of the signified has always been opaque, leading to widespread semiotic scepticism.

Zusammenfassung. Der Beitrag stellt die Verwendung der Termini „Symbol“ und „Schema“ in Kants Werk dar und bespricht ihre Weiterentwicklung bei Ernst Cassirer und Charles S. Peirce. Bei Kant vereinigt das Schema Begriff und Anschauung und wird so eine Bedingung der Möglichkeit objektiver Wissenschaft, während das Symbol ein indirektes Schema ist – in die Sprache der Gegenwart übersetzt: eine Metapher. Bei Cassirer wird das Symbol zu einem allgemeinen Begriff, der alle Äußerungen des menschlichen Geistes umfasst, während das Schema nun eine zentrale Rolle als treibende Kraft in Cassirers dreistufiger Deutung der menschlichen Zivilisation erhält, die von Ausdrücken über Darstellungen zu reinen Bedeutungen führt. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt die so genannte „symbolische Prägnanz“, die es dem Schematismus ermöglicht, im Fluss der Ausdrücke stabile Zeichen zu erzeugen; symbolische Prägnanz ist sozusagen ein spontan auftretender Schematismus. Bei Peirce hat das Diagramm eine vergleichbare schematische Funktion. Es verbindet die auf Ähnlichkeit basierende Kategorie des Ikons mit der des Symbols, das in Peirces Konzeption ein allgemeines, gedankenähnliches Zeichen ist. Die Diagramme werden zu den eigentlichen Bedingungen der Möglichkeit von Gedanken, die immer allgemein sind, doch auch fähig, einen kontinuierlichen Bereich von individuellen ikonischen Fällen unter sich zu fassen. Es wird gezeigt, dass beide Nachfolger von Kant verschiedene interessante erkenntnistheoretische Standpunkte gemeinsam haben. Einerseits 'phänomenologisieren' sie Kant gewissermaßen: der Gegenstand wird nicht mehr als das Ergebnis einer Synthese des Geistes betrachtet, sondern als ein undifferenziertes Ganzes, das wiederum in verschiedener Weise unter Verwendung von Schematismen analysiert werden kann. Andererseits zielen sie auf eine Semiotik, die eine Erkenntnistheorie impliziert: gerade Kants Begriff des Schematismus führt zu einer Analyse der inneren Architektur des durch ein Zeichen Bezeichneten; es enthält notwendig einen Schematismus, der Denken und Anschauen verbindet. In dieser Hinsicht gehen beide über Saussures Zeichenbegriff hinaus, in dem die Bestimmung des Bezeichneten immer dunkel war, was zu einem semiotischen Skeptizismus als weit verbreiteter Folge geführt hat.

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Über die Prinzipien einer philosophischen Universalsprache von Jakob Linzbach

Alexander Dmitrievic Dulicenko, Universität Tartu

Summary. The Estonian semiotician Jakob Linzbach (1874 - 1953) pursued the project of a philosophical language, thereby continuing Leibniz' project of a characteristica universalis. In order to create an efficient language system he suggested several principles, which are discussed in this article. Although Linzbach's major work appeared in the same year as Saussure's Cours (1916), it shares many ideas; in particular, Linzbach anticipated basic phonological ideas. As is pointed out, this almost unknown semiotician, who was not allowed to publish in his later years, has contributed substantially to the development of the information-theoretic approach.

Zusammenfassung. Der estnische Semiotiker Jakob Linzbach (1874 - 1953) verfolgte in zahlreichen Arbeiten das Projekt einer philosophischen Sprache, die an Leibnizens Projekt einer characteristica universalis anknüpft. Zum Aufbau eines effizienten Sprachsystems schlägt er verschiedene Prinzipien vor, die hier vorgestellt werden. Obwohl Linzbachs Hauptwerk im gleichen Jahr wie Saussures Cours (1916) erschien, gibt es zahlreiche Übereinstimmungen; grundlegende Ideen der Phonologie werden von Linzbach antizipiert. Der Beitrag versucht die Relevanz dieses kaum bekannten Semiotikers, der in seinen späteren Jahren nichts mehr publizieren durfte, insbesondere für informationstheoretische Ansätze herauszustellen.

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