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TU Berlin

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Synästhesie: Physiologischer Befund, Praxis der Wahrnehmung, künstlerisches Programm

Roland Posner und  Dagmar Schmauks

Zusammenfassung. Dieser einführende Artikel bespricht zunächst die beiden Lesarten des Wortes "Synästhesie" als Bezeichnung für einen physiologischen Befund und für ein künstlerisches Programm. Ausgehend von der Feststellung, dass bemerkenswert viele physiologisch fundierte Synästhesien an die Wahrnehmung kodierter Zeichen gebunden sind, wird der zeichentheoretische Status der Auslöser synästhetischen Wahrnehmens untersucht und eine semiotische Klassifikation der Synästhesien in Stimulus-, Signifikanten-, Signifikat- und Referenten-Synästhesien vorgeschlagen. In der Charakterisierung der anderen Beiträge zum vorliegenden Zeitschriftenheft wird der Unterschied zwischen konstitutioneller Synästhesie und Synästhesie als künstlerischem Rezeptionsprozess herausgearbeitet: Während bei einem konstitutionellen Synästhetiker eine Wahrnehmung unwillkürlich tatsächliche Empfindungen in einem oder mehreren anderen Wahrnehmungskanälen auslöst, kann bei einem synästhetischen Kunstrezipienten eine künstlerische Wahrnehmung nur die Vorstellung solcher Empfindungen evozieren. Synästhetische Kunstrezeption erweist sich so als intellektualisierte Parallele eines physiologischen Prozesses.

Summary. This introductory article starts by pointing out the two readings of the term "synesthesia" as a designation of a physiological diagnosis and as an art program. Based on the observation that a remarkable number of physiologically caused synesthesias are tied to the perception of coded signs, the sign-theoretic status of the perceived objects which trigger synesthetic sensations is investigated. As a result, a semiotic classification of synesthesias into stimulus-based, signifier-based, signified-based, and referent-based synesthesia is proposed. In characterizing the other contributions to this journal issue the article elaborates further on the distinction between constitutional synesthesia and synesthesia conceived as a process of reception in art: in a constitutional synesthete, a perception involuntarily triggers a real sensation in one or more additional channels of perception; in a synesthetic art recipient, an aesthetic perception only evokes an idea of such a sensation. Synesthetic art reception thus transpires as an intellectualized parallel of a physiological process.

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Synästhetische Wahrnehmung aus neurologischer Sicht

Stephanie Kneip und  Jörg Jewanski

Zusammenfassung. Dieser Beitrag schildert die Forschungsgeschichte zur Synästhesie. Er beschreibt ihre Genese sowie die Problematik ihrer Diagnose und Klassifikation. Nach einleitenden Bemerkungen zur Definition und Auftretenshäufigkeit von Synästhesie erfolgt eine Betrachtung synästhetischer Zeichen aus semiotischer Perspektive. Im Anschluss daran wird die Auswirkung dieser seltenen und ungewöhnlichen Wahrnehmungsweise auf die Persönlichkeit der Betroffenen und auf ihre kognitiven Leistungen behandelt. Die Kriterien für das Vorliegen synästhetischer Wahrnehmung werden beschrieben und ihre verschiedenen Formen charakterisiert. Der Beitrag schließt mit einer Darstellung aktueller neurologischer Hypothesen zur Entstehung von Synästhesie.

Summary. This article outlines the history of research in synesthesia, gives an analysis of its pathogenesis, and describes problems connected with its diagnosis and classification. After a definition of synesthesia, the status of synesthetic signs is discussed from a semiotic perspectve. It is asked which consequences this rare and unusual form of perception has on the personality and cognitive performance of the persons affected. Criteria for the occurrence of synesthesia are described and its various forms of occurrence are characterised. The article closes with a presentation of current neurological hypotheses regarding the origin of synesthesia.

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Bindung und Hyperbindung in intermodaler Wahrnehmung und Synästhesie

Hinderk M. Emrich, Markus Zedler und Udo Schneider

Zusammenfassung. Wenn ein Mensch einen Gegenstand wahrnimmt, werden Gegenstandseigenschaften über die verschiedenen Wahrnehmungskanäle in Sinnesempfindungen verwandelt, die dann in der Weise aufeinander bezogen werden, dass der Gegenstand im Bewusstsein als Einheit erscheint. Diesen weitgehend unbekannten neurobiologischen Prozess nennt man “Bindung³. Wenn nun bei der Wahrnehmung zusätzlich zu einer gegebenen Sinnesempfindung in einem anderen Wahrnehmungskanal eine weitere Empfindung entsteht, welche nicht direkt auf einer Gegenstandseigenschaft beruht, so spricht man von "Synästhesie". Zum Beispiel werden beim Farben-Hören akustische Gegenstandseigenschaften zugleich auch visuell wahrgenommen, Diesen Vorgang nennt man “Hyperbindung". In der vorliegenden Abhandlung wird angenommen, dass Bindung und Hyperbindung auf dieselben neurophysiologischen Grundlagen zurückzuführen sind. Es wird vorgeschlagen, die bei der Synästhesie auftretende Prozesskonfiguration der Hyperbindung als Modell für die Erforschung der Bindung anzusehen.

Summary. When humans perceive an object, their perceptory organs transform the properties of the object into percepts of different modalities, which are then related with one another in such a way that the object appears as a unified entity in consciousness. This neurobiological process, which is still largely unknown, is called"binding". When during the perception process a given percept is combined with an additional percept which arises in a different modality without being directly based on a property of the perceived object, one speaks of "synesthesia". In coloured hearing, e.g., acoustic properties of an object are simultaneously perceived visually. This process is called "hyperbinding". The present article argues that binding and hyperbinding have the same neurophysiological basis. The utilization of the process configuration characteristic for hyperbinding as a research model for the investigation of binding is proposed.

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Farbige Töne: Synästhesie und Musik

Jörg Jewanski

Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht die Rolle der Synästhesie beim Komponieren, Aufführen und Verstehen von Musik. Er diskutiert zunächst die Quellenlage des 16. bis 19. Jahrhunderts und kommt zu dem Schluss, dass die in der Literatur zu findende Einordnung vieler Autoren als Synästhetiker revidiert werden muss. Dann bespricht er den Wandel der Einstellungen zur Synästhesie als pathologischer Erscheinung (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts) und schöpferischem Potential (Beginn des 20. Jahrhunderts) im Hinblick auf seine Konsequenzen für Wissenschaft und Kunst. Vier Einzelfallstudien an Komponisten unterschiedlicher Generationen des 20. Jahrhunderts (Alexander Scrjabin, Alexander László, Olivier Messiaen und Michael Denhoff) führen schließlich zu dem Ergebnis, dass das Verhältnis zwischen Synästhesie und Musik so vielfältig ist wie die individuellen Ausprägungen der Synästhesie. Zudem wird die Annahme, dass die vier untersuchten Komponisten im strengen Sinne Synästhetiker sind, in Zweifel gezogen.

Summary. This article discusses the role of synesthesia in the composition, performance, and understanding of music. The author begins by assessing early claims of correspondences between sound and color (from the 16th to the 19th century) and comes to the conclusion that the assumption made in the literature that many of the authors involved possessed synesthetic capabilities must be revised. Next, the changing attitudes towards synesthesia as a pathological phenomenon (second half of the 19th century) and as a creative potential (beginning of the 20th century) are described with respect to the consequences they had for the arts and sciences. Case studies of four twentieth century composers (Alexander Scrjabin, Alexander László, Olivier Messiaen, and Michael Denhoff) demonstrate that the relationship between synesthesia and music is as varied as the individual forms of synesthesia itself. The assumption that these four composers were, in the strict sense, capable of synesthesia is called into question.

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Farbige Buchstaben: Synästhesie und Sprache

William H. Edmondson

Zusammenfassung. Dieser von einem Synästhetiker verfasste Beitrag schildert die Erfahrungen einer Person, deren Wahrnehmung eines jeden Buchstaben automatisch verknüpft ist mit dem Eindruck, eine bestimmte farbige Aura um ihn herum zu sehen. Ein Vergleich seiner Erfahrungen mit denen von anderen Synästhetikern sowie mit den von Nicht-Synästhetikern berichteten Erfahrungsweisen des Buchstabenlesens veranlasst den Verfasser, Fragen nach der Intersubjektivität der Wahrnehmung und der Objektivität der Kommunikation zu stellen. Er diskutiert das weithin gebräuchliche Modell der Kommunikation, das den Austausch von Botschaften voraussetzt, die auf der Grundlage eines gemeinsamen Kodes der Kommunikationspartner formuliert und verstanden werden, und argumentiert, dass dieses Modell der Tatsache nicht gerecht wird, dass Kommunikation auch zwischen Personen möglich ist, die nicht über einen gemeinsamen Kode verfügen. Er schlägt daher vor, das Botschaften-Modell der Kommunikation zu ersetzen durch einen Ansatz, der von der Reihenbildung und Kontextualisierung der eigenen Wahrnehmungen ausgeht, seien diese kommunikativer oder nichtkommunikativer Art. Edmonsons Vorschlag erlaubt ganz verschiedene Grade der Idiosynkrasie in der Wahrnehmung sprachlicher Zeichen und kann daher sowohl Synästhetikern als auch Nicht-Synästhetikern auf theoretisch fundierte Weise angemessene Orte in der kommunikativen Kooperation zuweisen.

Summary. This article, written by a synesthete, describes the experiences of a person whose perception of every alphabetic character is automatically connected with the impression of seeing a specific colored aura around it. Comparing his experiences with those reported by other synesthetes and by non-synesthetes, the author raises the questions of intersubjectivity in perception and of objectivity of communication. He discusses the widely used model of communication which presupposes an exchange of messages formulated and understood on the basis of a code shared by the communication partners and argues that this model fails to explain the fact that understanding is possible even among persons who do not share a code. He proposes to replace the message model of verbal communication by an approach based on habits of sequencing and contextualizing one’s perceptions, communicative as well as non-communicative ones. Edmondson’s conjecture allows for varying degrees of idiosyncracy in the perception of verbal signs and is thus able to provide theoretically based places in communicative cooperation for synesthetic as well as for non-synesthetic language users.

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"An allen Dingen kleben Farben": Synästhetiker im Erzählcafé

Sabine Schneider

Zusammenfassung. Die Autorin ­ selbst Synästhetikerin ­ beschreibt zunächst, an welchen Zeichen in ihrer eigenen Lebensgeschichte sie festgestellt hat, dass ihre Wahrnehmungen viel bunter sind als die der anderen. Sie versucht Nicht-Synästhetikern nahezubringen, wie ihre spezielle Synästhesie funktioniert, die im Wahrnehmen von Farben bei visuellen Zeichen wie Buchstaben und Ziffern, aber auch beim Hören von Musik und anderen akustischen Eindrücken besteht. Ferner zeigt sie, inwiefern diese zusätzlichen Wahrnehmungen im Alltag und beim Lernen hilfreich oder hinderlich sein können. Abschließend wird das Leipziger “Erzählcafé" vorgestellt, das Synästhetikern die Möglichkeit gibt, ihre Erfahrungen auszutauschen und sich Nicht-Synästhetikern gegenüber besser verständlich zu machen.

Summary. The author – herself a synesthete – first describes which signs in her own biography made her discover that her perceptions are much more colorful than those of others. She tries to make clear to non-synesthetes how her specific synesthesia functions: she perceives colors in connection with visual signs such as letters and numerals, but also with music and other acoustic impressions. She points out how these additional perceptions can be helpful or obstructive in everyday life and learning. Finally, the „Story-Tellers’ Café“ in Leipzig is presented which offers synesthetes the opportunity to exchange experiences and to make themselves more comprehensible for non-synesthetes.

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Synästhesie und Entkörperung der Wahrnehmung: Bemerkungen zu einer historischen Entwicklung in Europa vom 17. bis zum 20. Jahrhundert

Eva Kimminich

Zusammenfassung.
Die Begriffsgeschichte lässt erkennen, dass Synästhesie erst seit dem 19. Jahrhundert ins Blickfeld wissenschaftlicher Fragestellung geriet: einerseits als abnorme Verwechslung physiologisch getrennter Vorgänge, andererseits als künstlerische Technik. Diese Definition veranlasst die Verfasserin, Synästhesie im Kontext einer abendländischen Geschichte menschlicher Wahrnehmungskonventionen zu betrachten. Ihr Rückblick auf philosophische, theologische, medizinische und physiologische Erklärungsmodelle zeigt, wie leibliches Empfinden von geistigem Erkennen getrennt wurde. Gleichzeitig, vor allem aber seit dem 18. Jahrhundert, sorgten mediologische, technische und technologische Entwicklungen für Möglichkeiten der Aufrüstung und Substitution unserer Sinne. Das der Seele oder Psyche zugeordnete synästhetische Wahrnehmen wurde im Rahmen dieser Entwicklungen zu einem in das Reich poetischer Spielerei verwiesenen Kuriosum. Vor diesem Hintergrund erscheint die somatische Wende der Postmoderne in einem anderen Licht. Sie lässt ein in Vergessenheit geratenes, teilweise auch gezielt ausgeblendetes Grundrecht menschlichen Daseins ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken: das Recht auf eine den biologischen Gegebenheiten unserer Spezies angemessenen Persönlichkeitsentfaltung, die in einer primär sinnlichen Wahrnehmung gründet. Dazu aber müssen die Voraussetzungen erst wieder geschaffen werden: eine R ü c k b e S i n n u n g.

Summary. The history of concepts shows that synesthesia was introduced to scientific research only during the 19th century: as an abnormal interchange of physiologically separated processes on the one hand and as an artistic technique on the other. This definition prompted the author to examine synesthesia within the context of the Western history of human perceptional conventions. Her review of philosophical,
theological, medical and physiological explanations shows how physical sensitivity became separated from mental perception. Simultaneously, but especially since the 18th century, mediological, technical and technological developments provided possibilities for reinforcement and substitution of our senses. Synesthetic perception, originally assigned to the soul or the human ego, developed into an oddity and was expelled to the realm of poetical games. Against this background the somatic turn of postmodernism appears in a different light. It allows a basic human right, almost forgotten and partly deliberately excluded, to move to the center of our attention: the right to develop a personality in line with the biological facts of our species. The conditions necessary for this must, however, be provided again in a process of  Re-Sensibilization.

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Theologie und Semiotik: Zum Stand des Gesprächs am Beispiel der Peirce-Rezeption in jüngeren Arbeitenevangelischer Theologie

Martin Vetter

Zusammenfassung. Einen Einblick in das heutige Gespräch zwischen Theologie und Semiotik vermitteln ausgewählte neuere Arbeiten, die die Semiotik von Charles S. Peirce in theologischer Perspektive anwenden. Im Mittelpunkt der theologischen Rezeption steht die Triadizität des Zeichenbegriffs. Diskutiert wird zudem das semiotisch begründete Konzept, Wirklichkeit als Zeichenprozess zu beschreiben. Die Frage nach der semiotischen Erfassbarkeit des transzendenten Grundes menschlicher Zeichengebung wird theologisch kontrovers beantwortet.

Summary. This paper outlines selected recent publications which apply the semiotics of Charles S. Peirce from a theological perspective, and thus provides an insight into the current dialogue between theology and semiotics. The focus is placed on the triadicity of the sign concept and on the attempt to describe reality as a sign process. The question whether the transcendental ground of human sign production can be explained by means of semiotics remains theologically controversial.

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