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TU Berlin

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Intertextualität


ZfS, Band 24 Heft 2-3/2002

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Aus dem Inhalt:

Einführung

Henriette Herwig: Literaturwissenschaftliche Intertextualitätsforschung im Spannungsfeld konkurrierender Intertextualitätsbegriffe (summary), p.163

Anne Bohnenkamp: Intertextualität als Realisation von Weltliteratur: Literarische Landschaften in Goethes Faust (summary), p.177

Franziska Schößler: Markierte Zitate und Kultur als Intertext: Varianten der Intertextualität in Thomas Manns Roman Königliche Hoheit (summary), p.199

Werner Stauffacher: Intertextualität und Rezeptionsgeschichte bei Alfred Döblin: „Goethe dämmerte mir sehr spät.“ (summary), p.213

J. Ulrich Binggeli: Intertextualität und Lektüresemiotik: Der Räuber-Roman von Robert Walser (summary), p.231

Henriette Herwig: Intertextualität als Mittel der Assimilations- und Orthodoxiekritik in Joseph Roths Hiob. Roman eines einfachen Mannes (summary), p.261

Brigitta Oesch: Schiffbruch des Erzählens: Eine intertextuelle Lektüre der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung (summary), p.277

Peter Rusterholz: Vom ,Werk’ zur Intertextualität der Stoffe: Friedrich Dürrenmatts Wandlung (summary), p.295

Preisverleihung

Ernest W. B. Hess-Lüttich

Körper – Verkörperung – Entkörperung: Zum Thema und zu den Preisschriften des Förderpreises Semiotik der DGS 2002, p.307

Ulf Harendarski: Zur Deixis auf eine andere Welt, p.312

Peter Rusterholz: Bericht über die Preisschrift K: „Entkörperlichung, Whiteness und das amerikanische Gegenwartskino – Zum Körperdiskurs in den Kulturwissenschaften“, p.320

Bärbel Tischleder: Zur symbolischen Topographie des weißen Amerika in Fargo, p.322

Veranstaltungen, Veranstaltungskalender, Nachrichten aus der DGS, Vorschau auf den Thementeil der nächsten Hefte



Literaturwissenschaftliche Intertextualitätsforschung im Spannungsfeld konkurrierender Intertextualitätsbegriffe

Henriette Herwig

Summary. This introductory essay discusses the forms and functions of relations between literary texts. It presents relevant intertextuality theories including the taxonomies developed in them and distinguishes the narrow descriptive intertextuality concept from the broad ontological one. With regard to relations between literary texts, the author argues in favor of a semiotically based, context-oriented combination of the aesthetic aspects of both text production and text reception. The essay concludes with summaries of the articles in this thematic issue.

Zusammenfassung. Dieser einführende Aufsatz fragt nach Formen und Funktionen der Beziehungen zwischen literarischen Texten, stellt die für die Literaturwissenschaft relevanten Intertextualitätstheorien und die in ihnen entwickelten Taxonomien vor, grenzt den engen, textdeskriptiven Intertextualitätsbegriff vom weiten, ontologischen Konzept von Intertextualität ab und plädiert für eine semiotisch fundierte, kontextorientierte Verbindung produktionsästhetischer und rezeptionsästhetischer Intertextualität. Abschließend stellt er in Grundzügen die in diesem Themenheft zusammengestellten Aufsätze vor.

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Intertextualität als Realisation von Weltliteratur: Literarische Landschaften in Goethes Faust

Anne Bohnenkamp

Summary. This paper begins by considering Goethe’s use of the term „landscape“ and deals both in the broad sense and narrow sense of the term with the intertextual structures of this epistemological and aesthetic key concept of the modern age. The paper focuses on the role of landscape descriptions in Faust and analyzes their forms and functions in Goethe’s drama. An intertextual reading of the opening scene of Faust II, „Anmutige Gegend“, demonstrates that the landscapes described there are dialogically related both to the natural scenery in Dante’s Commedia and to the perception of landscape in Byron’s Manfred. Regarding the concepts and uses of landscape, Goethe’s Faust can be considered a realization of Goethe’s idea of a „world literature“ constituted by intertextual relations.

Zusammenfassung. Ausgehend von der Verwendung des Begriffs „Landschaft“ bei Goethe geht es in dem Beitrag um die intertextuellen Strukturen (in weitem und engem Verständnis des Begriffs) dieses erkenntnistheoretischen und ästhetischen Schlüsselkonzepts der Moderne. Der Beitrag beschreibt in diesem Zusammenhang die herausragende Rolle von Landschaftsschilderungen im Faust und fragt nach ihren Formen und Funktionen. Eine intertextuelle Lektüre der Szene „Anmutige Gegend“ zeigt, dass die hier geschilderte Landschaft dialogische Bezüge einerseits zur Rolle der Natur in Dantes Commedia, andererseits zur Landschaftswahrnehmung in Byrons Manfred aufweist. Gerade im Hinblick auf seine Landschaften lässt sich Goethes Faust als eine Realisation von Goethes Idee einer „Weltliteratur“ lesen, für die intertextuelle Bezüge konstitutiv sind.

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Markierte Zitate und Kultur als Intertext: Varianten der Intertextualität in Thomas Manns Roman Königliche Hoheit

Franziska Schößler

Summary. This essay aims to show that narrow and broad conceptualizations of intertextuality are not necessarily oppositional and can provide readings of a text which augment each other. The first section analyzes Thomas Mann’s second novel Königliche Hoheit, tracing its marked and unmarked intertextual references to Carnegie’s mercantile manual Empire of Business; the second section relates this comedic novel to the (textual) culture of its time. Background is provided by the broad concept of intertextuality as applied in discourse analysis and New Historicism. Central to this ‚cultural contextualization’ is the notion Leistungsethos in Thomas Mann, Max Weber, and Nietzsche, which can be used to elucidate the function references to Carnegie have in Mann’s novel.

Zusammenfassung. Gezeigt wird, dass sich Textlektüren, die vor dem Hintergrund des engen oder aber des weiten Begriffs von Intertextualität entstehen, durchaus ergänzen können, die beiden divergierenden Konzepte von Intertextualität mithin nicht strikt antagonistisch zueinander stehen. Wird in einem ersten Abschnitt den markierten wie unmarkierten intertextuellen Bezügen in Thomas Manns zweitem Roman Königliche Hoheit nachgegangen, vornehmlich den Bezügen zu Carnegies Kaufmannsschrift Empire of Business, so wird dieses ‚Lustspiel in Romanform’ in einem zweiten Abschnitt auf die (Text-)Kultur seiner Zeit bezogen. Hintergrund bildet der weit gefasste Begriff von Intertextualität, wie er von der Diskursanalyse und dem New Historicism aufgegriffen wird. Im Zentrum dieser ‚kulturellen Kontextualisierung’ steht der Begriff des Leistungsethos bei Thomas Mann, Max Weber und Nietzsche, der zugleich die Funktionsstelle von Carnegie in Thomas Manns Roman klärt.

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Intertextualität und Rezeptionsgeschichte bei Alfred Döblin: „Goethe dämmerte mir sehr spät.“

Werner Stauffacher

Summary. Reception history and intertextuality can be understood as basic and closely related perspectives on the phenomenon of literature. Their relationship is similar to that between diachrony and synchrony. Reception history has to do with sequences, interrelations, and conflicts occurring with their historical contexts. The intertextual approach, on the other hand, analyzes and compares the structures of texts. This paper focuses exclusively on the aspect of reception history, especially on Döblin's reception of Goethe. Part of the material dealt with could, however, be the starting point for an additional piece of research focusing on intertextual relations, which in turn would have to be structured differently – both methodologically and terminologically.

Zusammenfassung. Rezeptionsgeschichte und Intertextualität lassen sich verstehen als zwei grundlegende und aufs engste miteinander verknüpfte Perspektiven des literarischen Phänomens. Sie verhalten sich zueinander in ähnlicher Weise wie Diachronie und Synchronie. In der Rezeptionsgeschichte geht es um Abläufe, Bezüge und Auseinandersetzungen im historischen Umfeld; der intertextualitätstheoretische Ansatz analysiert und vergleicht Textstrukturen. Dieser Beitrag zielt konsequent auf den rezeptionsgeschichtlichen Aspekt, insbesondere auf Döblins Goethe-Rezeption. Ein Teil des behandelten Materials könnte Anlass zu einer ergänzenden, methodisch und terminologisch aber anders anzulegenden intertextualitätstheoretischen Untersuchung bieten.

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Intertextualität und Lektüresemiotik: Der Räuber-Roman von Robert Walser

J. Ulrich Binggeli

Summary. Arguing from a perspective combining semiotics and reader-response criticism, this paper suggests that the novel Die Räuber produced by the Swiss author Robert Walser – the most elaborate and most disturbing piece emerging from the so-called Bleistiftgebiet – can be read as a love story of sorts. Hitherto, structuralist and post-structuralist readings of the text have focused on the immanent structures of the novel itself. Those readings were responses to approaches interested in the philosophy of history, social ethics, depth psychology, or religious iconography.  As a new paradigm of literary theory, intertextuality research concentrates on the mirror function of Walser’s texts. By examining the relations between the novel Die Räuber and its predecessor texts, such as Vulpius’s robber novel Rinaldo Rinaldini and Schiller’s drama Die Räuber, this paper demonstrates the deeply ironic position of the text’s narrator and its partly comical handling of the subject of love.

Zusammenfassung. Von einem lektüresemiotischen Ansatz aus verfolgt dieser Aufsatz die These, dass der Räuber-Roman des Schweizer Schriftstellers Robert Walser, das umfangreichste und irritierendste Stück aus dem Konvolut des sogenannten Bleistiftgebietes, ein verkappter Liebesroman ist. Während strukturalistische und poststrukturalistische Untersuchungen – als Reaktion auf geschichtsphilosophisch, sozialethisch, tiefenpsychologisch oder religiös-ikonographisch orientierte Versuche, Walsers Verrätselungskunst aufzulösen –, auf textimmanente Sprachstrukturen fokussierten, rückte mit der Intertextualitätsforschung als neuem literaturwissenschaftlichem Paradigma die intertextuelle Verspiegelung von Walsers Texten ins Zentrum des Interesses. Indem dieser Aufsatz die Prätext-Relationen des Räuber-Romans vor allem zu Vulpius’ Räubergeschichte Rinaldo Rinaldini und Schillers Drama Die Räuber untersucht, kann er die tief ironische Erzählhaltung, teilweise auch komische Brechung bei der Behandlung der Liebesthematik im Roman nachweisen.

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Intertextualität als Mittel der Assimilations- und Orthodoxiekritik in Joseph Roths Hiob. Roman eines einfachen Mannes.

Henriette Herwig

Summary. Based on a semiotic and reader-oriented conception of intertextuality, this paper combines the ethnographic question of how Eastern European Jewish life is represented in Joseph Roth’s novel Hiob with the poetic question of how the text instrumentalizes its intertextual relations to three Old Testament narratives, namely the Book of Job, the legend of Joseph, and the story of Debora – the judge, prophet, and female war leader. It is shown that the conception of Mendel Singer as a Job-like figure, which is suggested by the book’s title, is relativized by the increasingly prominent intertextual references to the legend of Joseph. On the other hand, the intertextual relation between Deborah and the Book of Judges suggests an understanding of Mendel’s wife that corrects the novel’s intratextual misogyny. The novel responds to the experience of crisis caused by the delusion of Jewish hopes for assimilation in European society and activates the biblical legends in a demythologizing manner, thus rejecting both national assimilation and the retreat to orthodoxy as political solutions.

Zusammenfassung. Ausgehend von einer lektüresemiotischen Konzeption von Intertextualität verbindet der vorliegende Aufsatz die ethnographische Frage nach der Art der Darstellung ostjüdischer Lebensformen in Joseph Roths Hiob-Roman mit der Frage nach der poetischen Funktion seiner intertextuellen Relationen zu drei kanonischen Erzählungen des Alten Testaments: zur Hiobsgeschichte, zur Josephslegende und zur Geschichte der alttestamentlichen Richterin, Prophetin und Heerführerin Debora. Dabei zeigt sich, dass das durch den Titel des Romans nahegelegte Verständnis Mendel Singers als einer Hiobsgestalt in dem Maße relativiert wird, in dem der intertextuelle Bezug zur Josephslegende den zum Hiob-Buch verdrängt. Bei Mendels Frau Deborah legt die intertextuelle Relation zum Buch Richter umgekehrt ein Verständnis der Figur nahe, das die intratextuelle Misogynie des Romans korrigiert. Auf die mit dem Zusammenbruch der Assimilationshoffnungen der europäischen Juden verbundene Krisenerfahrung antwortet der Text mit einer Form der Aktualisierung biblischer Legenden, die diese entmythologisiert und den Rückzug in die Orthodoxie als Lösung ebenso verwirft wie die nationale Assimilation.

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Schiffbruch des Erzählens: Eine intertextuelle Lektüre der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung

Brigitta Oesch

Summary. This essay analyzes the intertextual relations between the fairytale Little Red Riding Hood as published by the Grimm brothers and Ilse Aichinger’s version of Little Red Riding Hood in her novel Die größere Hoffnung. It is shown how the reference to a single text can be used to instrumentalize an entire narrative tradition and its constitutive conditions ex negativo. The literary topos of storytelling staged to preserve life and the hope of living is destroyed by a fictional frame-story thematizing the persecution and annihilation of Jewish children in the “Third Reich”. The text-immanent poetic theory of Aichinger’s novel is based on the failure of a traditional setting of story-telling, mirroring the problematic nature of narrating after 1945.

Zusammenfassung. Im Zentrum dieses Beitrags steht die Analyse der intertextuellen Bezüge zwischen dem Rotkäppchen-Märchen der Gebrüder Grimm und der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung. Es wird untersucht, wie mit der Referenz auf einen Einzeltext die dahinter stehende Erzähltradition und ihre konstitutiven Bedingungen ex negativo im Romanganzen funktionalisiert werden. Der literarische Topos des zur Erhaltung von Leben und Lebenshoffnung inszenierten Erzählens zerbricht an der in der Rahmenhandlung der poetischen Fiktion thematisierten Verfolgung und Ermordung jüdischer Kinder im „Dritten Reich“. Das Versagen dieser tradierten Erzählsituation ist Teil einer werkimmanenten Poetik und spiegelt die Problematik des Erzählens nach 1945.

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Vom ,Werk’ zur Intertextualität der Stoffe: Friedrich Dürrenmatts Wandlung

Peter Rusterholz

Summary. Different notions of sign, language, and art lead to different notions of intertextuality. This paper presents various conceptions and functions of intertextuality in relation to the central problems of contemporary theory of literature and interpretation. The development of Friedrich Dürrenmatt’s own understanding of author and text paradigmatically demonstrates the move from the concept of a closed work towards a concept of open text systems based on intertextual relations.

Zusammenfassung. Unterschiedliche Zeichen-, Sprach- und Kunstbegriffe führen zu unterschiedlichen Konzepten von Intertextualität. Vorerst wird deshalb die Beziehung zwischen verschiedenen Begriffen von Intertextualität und den aktuellen Problemen der Literatur- und Interpretationstheorie erläutert. Die Wandlungen des Autor- und Textverständnisses von Friedrich Dürrenmatt zeigen exemplarisch eine Entwicklung vom geschlossenen Werk zum offenen Textsystem intertextueller Relationen.

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