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TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Metaphern in Bild und Film, Gestik, Theater und Musik


Herausgegeben von Jørgen Dines Johansen / Roland Posner
ZfS, Band 25, Heft 1-2/2003


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Aus dem Inhalt:

Jørgen Dines Johansen und Roland Posner: Einführung, p.3

Göran Sonesson: Über Metaphern in Bildern, p.27 (abstract / Zusammenfassung)

Charles F. Forceville: Bildliche und multimodale Metaphern in Werbespots, p.41 (abstract / Zusammenfassung)

Cornelia Müller: Gesten als Lebenszeichen ‚toter‘ Metaphern, p.63 (abstract / Zusammenfassung)

Sarah F. Taub: Begriffsmetaphern in der Amerikanischen Gebärdensprache ASL, p.75 (abstract / Zusammenfassung)

Eli Rozik: Metaphorische Körperbewegungen auf der Bühne, p.95 (abstract / Zusammenfassung)

Christian Thorau: Metapher und Variation: Referenztheoretische Grundlagen musikalischer Metaphorizität, p.111 (abstract / Zusammenfassung)

Raymond Monelle: Die gegenseitige Metaphorisierung der Klänge in der Musik, p.127 (abstract / Zusammenfassung)

Einlage

Martin Reiter: Einsatzübungen der Feuerwehr als Simulationen des Ernstfalls, p.143 (abstract / Zusammenfassung)

Semiosen der Ausgegrenzten

Pascal Vaillant: Gaunerzinken: Der Geheimkode der Einbrecher in Südfrankreich, p.161 (abstract / Zusammenfassung)

Rocco Mangieri und Francisco Vicente Gómez: Weisen des Bettelns, p.175 (abstract / Zusammenfassung)

Veranstaltungen; Veranstaltungskalender; Förderpreis Semiotik der DGS; Vorschau auf den Thementeil der nächsten Hefte.


Über Metaphern in Bildern

Göran Sonesson

Summary. Proceeding from the assumption that metaphors as well as pictures are iconic signs, the present contribution studies what happens when metaphors occur in figurative pictures. The author distinguishes between primary iconicity, the recognition of which is a condition for the categorization of an object as a sign, and secondary iconicity, which is perceived only after an object has been categorized as a sign. Figurative pictures (as opposed to droodles) are characterized by primary iconicity and metaphors by secondary iconicity. In addition to iconicity, the indexicality of metaphors is discussed, which results in the distinction between modularity and contiguity as two possible relations between expression and content in a pictorial metaphor. It is shown that the process of secondary iconization in the understanding of a pictorial metaphor is triggered by its indexicality. In figurative pictures the beholder normally relates all details on the level of expression to specific details of content. However, because of the open character of secondary iconization, this does not necessarily happen in metaphors – not even in metaphors that occur in pictures.

Zusammenfassung. Ausgehend von der Auffassung, dass sowohl Metaphern als auch Bilder ikonische Zeichen sind, untersucht der vorliegende Beitrag, was passiert, wenn Metaphern in gegenständlichen Bildern (Abbildungen) vorkommen. Er unterscheidet zwischen primärer Ikonizität, deren Feststellung eine der Bedingungen für die Einstufung eines Dinges als Zeichen ist, und sekundärer Ikonizität, die überhaupt erst wahrgenommen wird, wenn ein Ding schon als Zeichen eingestuft worden ist. Abbildungen werden (im Gegensatz zu Drudeln) als primär ikonisch und Metaphern als sekundär ikonisch charakterisiert. Neben der Ikonizität wird auch die Indexikalität von Metaphern untersucht, wobei zwischen Modularität und Kontiguität als möglichen Beziehungen zwischen Ausdruck und Inhalt einer Metapher im Bild unterschieden wird. Wie sich herausstellt, wird der sekundäre Ikonisierungsprozess beim Verstehen einer bildlichen Metapher nur auf der Basis von deren Indexikalität in Gang gesetzt. Bei Abbildungen werden normalerweise alle Einzelheiten des Ausdrucks mit spezifischen Inhalten korreliert. Dies ist aber bei Metaphern wegen des offenen Verlaufs der sekundären Ikonisierung in ihnen nicht notwendig der Fall – auch nicht bei Metaphern, die innerhalb einer Abbildung auftreten.

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Bildliche und multimodale Metaphern in Werbespots

Charles F. Forceville

Summary. The study of pictorial metaphor and other forms of non-verbal metaphor is indispensable for the development of a complete and balanced theory of metaphor; moreover, it provides a practical tool for the analysis of images. Hitherto, the scant literature has primarily focused on pictorial metaphor in static images. This article focuses on pictorial and multi-modal metaphor in moving images, specifically commercials. Pictorial metaphors in moving images differ from those in static ones in at least the following respects: (1) target and source need not be represented (or suggested) simultaneously, but can occur after one another; (2) since the advent of talking films, a metaphorical term can be cued by the audio track (via music or a sound effect) as well as by visual information – in this case the metaphor is better labeled "multi-modal" than "pictorial"; (3) framings and camera movements can create metaphorical similarity in ways not open to static, stand-alone pictures and photographs. The model for static pictorial metaphors developed in Forceville (1996) is shown to be adaptable to those in moving images. The article ends by discussing some questions raised by the analyses, and by suggesting avenues for further research.

Zusammenfassung. Die Erforschung von bildlichen Metaphern und anderen Formen der nichtsprachlichen Metapher ist unverzichtbar für die Entwicklung einer vollständigen und ausgewogenen Theorie der Metapher und liefert darüber hinaus ein praktisches Werkzeug für die Bildanalyse. Die wenigen bis heute verfügbaren Untersuchungen haben sich auf bildliche Metaphern in statischen Bildern beschränkt. Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf bildliche und multimodale Metaphern in bewegten Bildern, vor allem in Werbespots. Bildliche Metaphern in bewegten Bildern unterscheiden sich von denen in statischen Bildern zumindest in folgender Hinsicht: (1) Ziel und Quelle müssen nicht gleichzeitig dargestellt (oder suggeriert) werden, sondern können nacheinander auftreten; (2) in der Nach-Stummfilm-Ära kann ein metaphorischer Begriff auch durch die Tonspur (mit Musik oder einem Geräusch-Effekt) und nicht nur durch visuelle Information aufgerufen werden – in diesem Fall wird die Metapher besser als „multimodal“ statt als „bildlich“ bezeichnet; (3) Rahmen und Kameraführung können metaphorische Ähnlichkeit in einer Weise erzeugen, die statischen Einzelbildern und Photos nicht möglich ist. Es wird gezeigt, dass das Modell, das für statische Bildmetaphern erarbeitet wurde (Forceville 1996), auf bewegte Bilder übertragen werden kann. Abschließend werden einige der durch die Analysen aufgeworfenen Fragen diskutiert sowie Wege für die künftige Forschung vorgeschlagen.

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Gesten als Lebenszeichen ‚toter‘ Metaphern

Cornelia Müller

Summary. The analysis of conversations in ordinary language shows that conventionalised metaphors regarded as linguistically “dead” can be conceptually alive. These metaphors serve the speakers as image sources for their coverbal gestures and need therefore to be cognitively accessible to them. For this reason, metaphors must be conceived to be modality-independent, and metaphoricity appears as a dynamic and gradable property of signs in use. As a consequence, the established dichotomy of dead versus live metaphor is inapplicable and must be rejected. It conflates the criterion of conventionalization, which applies to the sign system, with the criterion of the speaker’s consciousness of metaphoricity, which applies to particular sign uses. As alternative approach, two different forms of categorization are proposed: a system-related and a use-related one. In the language system or sign system the criteria of transparency and conventionalisation can be applied to distinguish historical, entrenched, and new metaphors; in language use or sign use the degree of activation of a metaphor can be applied to distinguish sleeping metaphors from metaphors which are more or less awake. From the perspective of linguistic theory, these findings imply that language use cannot be reduced to the instantiation of a preexisting language system. With respect to metaphor research, the need for a systematic study of verbal and gestural metaphors produced in ordinary language becomes obvious.

Zusammenfassung. Wie die Analyse alltäglichen Sprechens zeigt, können sprachlich für „tot“ gehaltene konventionelle Metaphern konzeptuell durchaus lebendig sein. Sie dienen redebegleitend verwendeten Gesten als Bildspender, und ihre Inhalte müssen darum den Sprechenden als Quelle für die Bedeutungsübertragung zugänglich sein. Metaphern sind demnach modalitätsunabhängig, und Metaphorizität erweist sich im Gebrauch als dynamische, graduierbare Eigenschaft. Daraus folgt, dass die etablierte, aber begrifflich unsaubere Dichotomie tote versus lebendige Metaphern zurückgewiesen werden muss. Sie vermischt in unzulässiger Weise das zeichensystembezogene Kriterium der Konventionalisierung mit dem gebrauchsbezogenen Kriterium der Bewusstheit von Metaphern. Als Alternative werden zwei verschiedene Kategorisierungen vorgeschlagen: eine system- und eine gebrauchsbezogene. Für das Sprach- bzw. Zeichensystem bietet sich entsprechend den Kriterien Transparenz und Konventionalisierung die Unterscheidung von historischen, eingebürgerten und neuen Metaphern an und für den Sprach- bzw. Zeichengebrauch entsprechend dem Kriterium des Aktivierungsgrads die Unterscheidung zwischen schlafenden und mehr oder weniger wachen Metaphern. Sprachtheoretisch folgt daraus, daß der Sprachgebrauch sich nicht auf die Instantiierung eines vorgängig existenten Sprachsystems reduzieren lässt. Bezogen auf die Metaphernforschung machen diese Beobachtungen die Notwendigkeit deutlich, Alltagsmetaphern in Rede und Geste systematisch zu berücksichtigen.

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Begriffsmetaphern in der Amerikanischen Gebärdensprache ASL

Sarah F. Taub

Summary. This contribution treats signed languages as systems of signs which differ from sound languages only in the means of expression used, and it analyses metaphors as a special case of iconicity. The latter is not a matter of individuals imitating noises by the production of sounds, or movements by the production of gestures; instead, it is a conventionalized part of languages' resources. One speaks of linguistic iconicity when a structure-preserving mapping (projection) can be established between a linguistic sign's phonetic form (sound sequence or sequence of hand movements) and some mental image associated with its referent. If the referents involved are physical one speaks of simple iconicity; if they are abstract entities one has to assume an additional metaphorical mapping. Its source domain consists of the referents of simple iconic signs, and the relations between these are projected to the referents of the signs in the target domain in order to structure it with the help of experiences made in the source domain. This double-projection model is here applied to verticality-based metaphors within American Sign Language (ASL). It allows a distinction between signs that share both simple iconic and metaphorical mappings (as in the gestures MAXIMUM and MINIMUM) and signs that share a metaphorical mapping, but not a simple iconic mapping (as in the gestures SURFACE and ANALYZE). The wider distribution of conventionalized iconicity in all natural languages and the particular weight it has in signed languages are explainable by the principle that every natural language is as iconic as possible with respect to the modality-specific constraints of its means of expression.

Zusammenfassung. Der vorliegende Beitrag behandelt Gebärdensprachen als Zeichensysteme, die sich von den Lautsprachen nur durch die verwendeten Ausdrucksmittel unterscheiden, und untersucht Metaphern als einen Spezialfall von Ikonizität. Letztere erschöpft sich nicht im freien Nachahmen von Geräuschen durch Laute oder von Bewegungen durch Gebärden durch den Einzelnen, sie ist vielmehr ein konventionalisierter Aspekt des sprachlichen Zeichenrepertoires. Von sprachlicher Ikonizität wird gesprochen, wenn bei einem sprachlichen Zeichen eine strukturerhaltende Abbildung (Projektion) möglich ist zwischen seiner phonetischen Form (der Lautfolge oder der Folge von Handbewegungen) und einer Vorstellung seines Referenten. Handelt es sich um physische Referenten, so liegt einfache Ikonizität vor, handelt es sich um nichtphysische Referenten, so wird der einfach ikonischen Abbildung noch eine metaphorische Abbildung angeschlossen. Ihr Quellbereich besteht aus den Referenten einfach ikonischer Zeichen, deren Verhältnisse zueinander auf die Referenten der Zeichen im Zielbereich projiziert werden, um die Erfahrungen des Quellbereichs für die Strukturierung des Zielbereichs fruchtbar zu machen. Dieses Doppelprojektionsmodell wird hier angewandt auf vertikalitätsbezogene Metaphern in der Amerikanischen Gebärdensprache ASL. Es erlaubt die Unterscheidung zwischen Zeichen, die sowohl eine einfach ikonische Abbildung als auch eine metaphorische Abbildung gemeinsam haben wie die Gebärden MINIMUM und MAXIMUM, und Zeichen, die eine metaphorische, aber keine einfach ikonische Abbildung gemeinsam haben wie die Gebärden OBERFLÄCHE und ANALYSIEREN. Die weite Verbreitung von konventionalisierter Ikonizität in allen natürlichen Sprachen und ihr besonderes Gewicht in den Gebärdensprachen lassen sich durch das Prinzip erklären, dass jede natürliche Sprache so ikonisch ist wie möglich in Anbetracht der modalitätsspezifischen Beschränkungen ihrer Ausdrucksmittel.

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Metaphorische Körperbewegungen auf der Bühne

Eli Rozik

Summary. The present contribution proceeds from the assumption that every metaphor is an element of a system of signification and communication, has a predicative structure with a descriptive function, and contains a predicate which does not fit its referent but triggers associations about it. Body movements in general do not belong to systems of signification and communication; they are at most indexical signs manifesting the person who carries them out. However, they become elements of a system of signification and communication when they are carried out in a theater. According to the principle of iconicity, every image of an object is transmuted on stage into a description of such an object, and according to the principle of deflection of reference an actor who produces an image of a movement on stage attributes it to another person. In agreement with these two principles, body movements performed on stage acquire a predicative structure with a descriptive function, and such a structure is metaphorical if it contains a predicate (e.g., “robot“) which does not fit its referent (e.g., an orator), but serves as a basis for the construction of a fitting attribute (e.g., “… bows“) and as a source for further associations about the referent (e.g., 'mechanical', 'inanimate'). The unfitting predicate (“robot“) is triggered by syntagmatic associations, while the fitting attribute (“… bows“) is triggered by paradigmatic associations. The article closes with the analysis of several types of descriptive body movements in plays and paintings.

Zusammenfassung. Der vorliegende Beitrag geht davon aus, dass jede Metapher ein Element eines Signifikations- und Kommunikationssystems ist, eine prädikative Struktur mit deskriptiver Funktion hat und ein Prädikat enthält, das nicht zu seinem Bezugsgegenstand passt, aber Assoziationen über ihn auslöst. Körperbewegungen sind im Allgemeinen nicht Elemente eines Signifikations- und Kommunikationssystems; sie sind allenfalls indexikalische Zeichen, in denen sich die Person manifestiert, die sie ausführt. Zu Elementen eines Signifikations- und Kommunikationssystems werden sie aber, wenn sie im Theater auftreten, denn nach dem Prinzip der Ikonizität verwandelt sich jedes Bild eines Gegenstandes auf der Bühne in eine Beschreibung eines derartigen Gegenstands, und nach dem Prinzip der Bezugsverschiebung beschreibt ein Schauspieler, der auf der Bühne ein Bewegungsbild erzeugt, damit die Bewegung einer anderen Person. Diese beiden Prinzipien verleihen den Körperbewegungen auf der Bühne eine prädikative Struktur mit deskriptiver Funktion, und eine solche Struktur ist metaphorisch, wenn in ihr ein Prädikat auftritt (z. B. „Roboter“), das nicht zu seinem Bezugsgegenstand passt (z. B. einem Redner), aber als Basis für die Konstruktion eines passenden Attributs (z. B. „… verbeugt sich“) und als Quelle für weitere Assoziationen über den Bezugsgegenstand (z. B. ‚mechanisch', ‚seelenlos') dient. Das unpassende Prädikat („Roboter“) wird bei Körperbewegungen auf der Bühne durch syntagmatische Assoziationen und das passende Attribut („… verbeugt sich“) durch paradigmatische Assoziationen erzeugt. Der Artikel schließt mit der Analyse verschiedener Typen deskriptiver Körperbewegungen in Theaterstücken und Gemälden.

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Metapher und Variation: Referenztheoretische Grundlagen musikalischer Metaphorizität

Christian Thorau

Summary. This article deals with the problem of the extent to which a musical metaphor can be literally understood as a referential structure made of music. This problem is closely connected with the question of what functions are fulfilled by verbal metaphors about music.Following a suggestion by Nelson Goodman, the thesis that music itself can be structured metaphorically is elaborated in an analysis of Beethoven’s “Variations“ op. 34 and op. 120. The comparison between verbal metaphors and musical variations provides criteria for what can correctly be regarded as musical metaphoricity, and opens the view for the conception of a transmodal aesthetics of artistic metaphors.

Zusammenfassung. Es wird untersucht, inwieweit musikalische Metaphern im wörtlichen Sinne als nonverbale Referenzgebilde aus Musik verstanden werden können. Dieses Problem ist eng verbunden mit der Frage, welche Funktionen sprachliche Metaphern über Musik haben. Ausgehend von einem Vorschlag Nelson Goodmans und anhand von Beethovens „Variationen“ op. 34 und op. 120 wird argumentiert, dass Musik selbst metaphorisch strukturiert sein kann. Im Zentrum steht eine vergleichende Gegenüberstellung von verbaler Metapher und musikalischer Variation. Die Analogien und Differenzen ergeben Kriterien für die Frage, was als musikalische Metaphorik betrachtet werden kann, und öffnen den Blick für Aspekte einer modusübergreifenden ästhetischen Metaphorik.

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Die gegenseitige Metaphorisierung der Klänge in der Musik

Raymond Monelle

Summary. In rationalist theorizing metaphors are assigned a subject-predicate structure and paraphrased as assertions. Metaphorical semiosis is thereby ontologized. Such approaches are, however, inadequate for the analysis of metaphors in poetry, art, and music. There, the collision of two equally important ideas generates surprising new meanings without asserting anything. In the present contribution this thesis is elucidated with reference to Gérard Genette's interpretation of Proust. Its fruitfulness is then demonstrated in the analysis of character mixing (sarabande vs. chromatic figure) in Bach’s music and instrument mixing (flute vs. horn) in works by Haydn, Beethoven, and Debussy.

Zusammenfassung. Rationalistische Theorien schreiben der Metapher eine Subjekt-Prädikat-Struktur zu und paraphrasieren sie als Behauptung. Sie ontologisieren damit die metaphorische Semiose. Derartige Ansätze sind unangemessen für die Analyse von Metaphern in Dichtung, Kunst und Musik. Hier generiert das Aufeinanderstoßen zweier gleichwertiger Vorstellungen überraschende neue Bedeutungen, ohne dass damit etwas behauptet wird. Der vorliegende Beitrag erläutert diese These anhand der Proust-Interpretation von Gérard Genette. Ihre Fruchtbarkeit erweist sich in der Analyse von Charakter-Mischung (Sarabande vs. chromatische Figur) bei Bach und von Instrumenten-Mischungen (Flöte vs. Horn) in Werken von Haydn, Beethoven und Debussy.

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Einsatzübungen der Feuerwehr als Simulationen des Ernstfalls

Martin Reiter

Summary. Deployment practices are an elementary part of any fireman's training. They include practicing not only extinguishing fires, but also assisting in the event of technical accidents. A trainer practices with a group of fire-fighting trainees the appropriate procedure as well as joint action of the fire-fighting team as a unit. The present article examines fire-fighting training from a semiotic perspective, which allows an understanding of this training as a series of complex sign processes between the trainer and the trainees, in which the layout of the training environment plays a central role.

Zusammenfassung. Einsatzübungen sind elementarer Bestandteil jeder Feuerwehrausbildung. In ihnen wird das Löschen von Bränden, aber auch das Helfen bei technischen Unfällen trainiert. Ein Ausbilder übt mit einer Gruppe von Feuerwehrleuten das richtige Verhalten und das Zusammenwirken der Feuerwehreinheit im Einsatz. Der vorliegende Artikel untersucht die Feuerwehreinsatzübung aus semiotischer Sicht. Dabei lässt sich die Übung als eine Reihe komplexer Zeichenprozesse zwischen Ausbilder und Übenden auffassen, in der die Ausgestaltung der Übungsumgebung eine zentrale Rolle spielt.

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Gaunerzinken: Der Geheimkode der Einbrecher in Südfrankreich

Pascal Vaillant

Summary. This article describes hobo signs, i.e., ideographic signs belonging to a secret code which informs professional idlers about circumstances that are relevant for successful burglaries. The examples analyzed are from Southern France, where they occur in the region of Nîmes. Hobo signs can be classified with respect to their propositional content and their perlocutionary effects. On the expression plane, they utilize elementary forms standing in an iconic relation to their meanings, which is well in line with what is known about other conventional codes used to convey secret information.

Zusammenfassung. Dieser Aufsatz analysiert Gaunerzinken, d.h. ideographische Zeichen, die zu einem Geheimkode gehören, der potentiellen Dieben Umstände mitteilt, welche für einen erfolgreichen Einbruch relevant sind. Als Beispiel dienen Gaunerzinken aus Südfrankreich, die in der Gegend von Nîmes zu finden sind. Die Gaunerzinken lassen sich entsprechend ihrem propositionalen Gehalt und ihrer perlokutionären Wirkung klassifizieren. Auf der Ausdrucksebene nutzen sie elementare Formen, die eine ikonische Beziehung zu ihren Bedeutungen aufweisen, und passen damit gut zu anderen konventionellen Kodes für geheime Mitteilungen.

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Weisen des Bettelns

Rocco Manieri / Francisco Vicente Gómez

Summary. Beggars, begging, and alms-giving belong to a common stereotype, widespread in Christian societies and familiar also to other world religions. The present essay examines the change in approaches to begging which can be witnessed in Europe at the turn of the third millennium. The traditional beggar, who lies almost motionless and puts his degraded physical and financial situation on view to all in order to arouse sympathy and by it bring citizens and passers-by to part with a pittance, is joined by the performing busker, who attempts to amuse his addressees through the performance of a piece of music or through his love of animals; alongside these two types appears a busker of a new kind, who provides surprise and aesthetic satisfaction to his addressees through the imitation of literary and artistic figures and hopes to be awarded compensation. The examination of the various strategies of this self-presentation in the optical, acoustic, kinetic, and proxemic channel is undertaken here with the aim of understanding the new types of buskers as creative sign producers within the everyday urban discourse.

Zusammenfassung. Bettler, Bettelei und Almosen gehören zu einem in christlichen Gesellschaften geläufigen Stereotyp, das auch den anderen Weltreligionen nicht fremd ist. Der vorliegende Essay behandelt den Wandel der Weisen des Bettelns, der zu Beginn des 3. Jahrtausends in Europa zu beobachten ist. Zum klassischen Bettler, der fast bewegungslos da liegt und jeden seinen schlechten körperlichen und finanziellen Zustand sehen lässt, um dadurch Mitleid zu erregen, das den Bürgern und Passanten eine milde Gabe entlocken soll, tritt neben dem spielerischen Typ, der seine Adressaten durch ein Musikstück oder seine Zuneigung zu Tieren zu erfreuen sucht und sich von den Adressaten eine dem entsprechende Zuwendung erhofft, zunehmend der Bettler neuen Typs, der seinen Adressaten durch die Imitation von Figuren aus der Literatur und den visuellen Künsten Überraschung und ästhetischen Genuss bietet und für diese Leistung belohnt werden möchte. Die Untersuchung der verschiedenen Strategien dieser Selbstpräsentation im optischen, akustischen, kinesischen und proxemischen Kanal geschieht hier mit dem Ziel, das Verhalten der neuen Bettler als kreative Zeichenproduktion im Rahmen des urbanen Alltagsdiskurses verständlich zu machen.

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