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TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Metaphern in Sprache, Literatur und Architektur


Herausgegeben von Jørgen Dines Johansen / Roland Posner
ZfS, Band 25, Heft 3-4/2003


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Aus dem Inhalt:

Jørgen Dines Johansen und Roland Posner: Einführung, p.233

Mark Turner und Gilles Fauconnier: Begriffmischung und Metapher, p.247 (abstract/ Zusammenfassung)

Eve Sweetser: Über gleich gerichtete metaphorische Projektionen in Literatur und Alltagssprache: Der Dialog zwischen Portia und Brutus in Shakespeares Julius Caesar, p.269 (abstract/ Zusammenfassung)

Dagmar Burkhart: Der Motivkomplex hinten/unten als Mittel der Profanierung, der Parodie und der Dekonstruktion, p.299 (abstract/ Zusammenfassung)

Jørgen Dines Johansen: Analogie und Fabel in der Literatur, p.321 (abstract/ Zusammenfassung)

Svend Erik Larsen: Negative Stadtmetaphern, p.337 (abstract/ Zusammenfassung)

Alexandros Ph. Lagopoulos: Raum und Metapher, p.361 (abstract/ Zusammenfassung)

Erhebung

Anne Sauer: Semiotisch relevante Lehre an den Hochschulen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, p.401

Veranstaltungen; Veranstaltungskalender; Förderpreis Semiotik der DGS; Nachrichten der SGS/ASS; Vorschau auf den Thementeil der nächsten Hefte.


Begriffsmischung und Metapher

Mark Turner und Gilles Fauconnier

Summary. Widespread metaphors such as “he exploded” project physical categories to emotional phenomena. The traditional two-domain model of metaphor postulates that in such cases the source domain enables the understanding of the target domain. The authors prove that this model is sufficient to explain culturally entrenched metaphors, but fails to cope with more creative cases. They propose a more sophisticated multi-space model of conceptual projection which contains the blend as an additional domain. The power of this model is demonstrated by several analyses, e.g., of the “Grim Reaper”, the “Birth Stork”, the desktop metaphor of man-machine interaction as well as the decapitated speaker in Dante’s Inferno.

Zusammenfassung. Geläufige Metaphern wie „Er platzte vor Wut“ übertragen physikalische Kategorien auf emotionale Erscheinungen. Das herkömmliche Zweibereichsmodell der Metapher postuliert, dass in solchen Fällen der Quellbereich das Verstehen des Zielbereichs ermöglicht. Die Autoren weisen nach, dass dieses Modell nur bei kulturell verwurzelten erstarrten Metaphern zur Erklärung ausreicht, aber bei kreativeren Metaphern versagt. Sie schlagen ein wesentlich differenzierteres Mehrbereichsmodell der Begriffsprojektion vor, das als zusätzlichen Bereich ein Quell-Ziel-Gemisch enthält. Um das Erklärungspotenzial dieses Modells nachzuweisen, werden mehrere Beispiele analysiert, darunter der „Sensenmann“, der „Klapperstorch“, der „Desktop“ (‚Schreibtischoberfläche‘) im Kontext der Mensch-Maschine-Interaktion sowie der enthauptete Sprecher aus Dantes Inferno.

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Über gleich gerichtete metaphorische Projektionen in Literatur- und Alltagssprache: Der Dialog zwischen Portia und Brutus in Shakespeares Julius Caesar

Eve Sweetser

Summary. Analysis of English metaphor systems shows a pervasive correlation between up-down vertical models of Self and Society and in-out container models (e.g., the social “top dogs“ may also be the “in crowd“). Examination of these two apparently separate metaphor systems, and of their bodily experiential bases, shows why they should be interlinked in such a way. It further suggests the possibility of deeper relationships between supposedly competing or alternative metaphoric understandings of the same domain in other basic aspects of human understanding. In Shakespeare’s Julius Caesar, these metaphors are pervasive and correlated, as in modern English – indeed, this complex metaphoric system seems basic to the play’s thematic structure, and to resolving the play’s deep moral ambiguities. Such cognitive linguistic analysis of metaphor systems can be useful to literary analysis; in this case, it also contributes to cross-cultural comparison of cognitive systems, in giving access to an earlier text.

Zusammenfassung. Die Analyse des Metaphernsystems im Englischen zeigt eine durchgehende Beziehung zwischen Vertikalitäts-Metaphern (oben-unten) und Behältermetaphern (innen-außen) für Selbst und Gesellschaft (z.B. sind die „Oberen des Staates“ auch „im Zentrum der Macht“). Eine Untersuchung dieser beiden scheinbar getrennten Metaphernsysteme und ihres körperbezogenen Erfahrungshintergrunds zeigt, wie es zu dieser Gleichgerichtetheit kommt. Dabei deutet sich die Möglichkeit an, dass auch in anderen Bereichen des menschlichen Verstehens solche grundlegenden Beziehungen zwischen scheinbar konkurrierenden oder auswechselbaren metaphorischen Beschreibungen desselben Gebiets vorhanden sind. In Shakespeares Julius Caesar treten diese Metaphern durchgehend auf und entsprechen einander wie im heutigen Englisch – das komplexe Metaphernsystem scheint sogar grundlegend für die thematische Struktur des Stücks zu sein und seine tiefe moralische Mehrdeutigkeit aufzulösen. Eine solche Metaphernanalyse der kognitiven Linguistik kann für die Literaturanalyse hilfreich sein; in diesem Fall trägt sie darüber hinaus zum Vergleich der kognitiven Strukturen verschiedener Kulturen bei, indem sie uns einen Text aus einer früheren Zeit erschließt.

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Der Motivkomplex hinten/unten als Mittel der Profanierung, der Parodie und der Dekonstruktion

Dagmar Burkhart

Summary. This contribution begins by showing to what degree humans have made their body a model of the universe. It describes the partition of the unclothed body into three components (head, trunk, and legs) and the partition of the clothed body into an upper half oriented forwards and a lower half oriented backwards. In all cultures above and in front are conceived as positive, below and in the back as negative. This leads to varied strategies of meaning production in the various arts and text genres of each culture. The present contribution uses texts from the history of Russian literature and their common European pre-texts to analyze three paradigms of the utilization of the “arse” motif: (1) its occurrence in the Grobianism of the literature of foolery and of laughter, where it serves to degrade persons, to parody texts, and to profane sacred myths and rituals, (2) the substitution of the highly raised arse for the highly raised head as a means to destroy traditional metaphors and to decompose canonized text genres in Futurism, and (3) the utilization of the obscene style level in the postmodern literature of the Soviet Union with the effect of deconstructing totalitarian discourse patterns.

Zusammenfassung. Dieser Beitrag zeigt zunächst, wie sehr der Mensch seinen Körper zum Maßstab des Universums gemacht hat. Untersucht wird die Einteilung des unbekleideten Körpers in die drei Bestandteile Kopf, Rumpf und Beine und die Zweiteilung des bekleideten Körpers in eine obere nach vorn orientierte und eine untere nach hinten orientierte Hälfte. Oben und vorne werden kulturübergreifend positiv gewertet, unten und hinten negativ. Daraus ergeben sich in den verschiedenen Künsten und Textgenres einer Kultur unterschiedliche Strategien der Sinnproduktion. Der vorliegende Beitrag untersucht an Hand von Textbeispielen aus der Geschichte der russischen Literatur und deren gesamteuropäischen Prätexten drei Paradigmen der Verwendung des Hintern-Motivs: (1) seinen Einsatz im Grobianismus der Narrenliteratur sowie der Lachkultur allgemein, wo es als Metaphernquelle dient zum Zweck der Erniedrigung von Menschen, der Parodierung von Texten und der Profanierung sakraler Mythen und Rituale, (2) die Vertauschung des hoch erhobenen Haupts mit dem hoch erhobenen Hintern im Futurismus als Mittel zur Zerschlagung herkömmlicher Metaphorik und zur Zerstückelung kanonisierter Textgenres und (3) das Ausweichen auf die obszöne Stilebene in der postmodernen Literatur der Sowjetunion zur Dekonstruktion totalitaristischer Diskursmuster.

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Analogie und Fabel in der Literatur

Jørgen Dines Johansen

Summary. This contribution shows that the formation of analogies is constitutive of literary discourse, and it treats metaphors as special cases of analogy on the semantic level. The structure of analogy is first characterized with respect to its logical function by specifying the relationship between analogy and the inferential patterns of induction, deduction, and abduction (hypothesis). It is then characterized with respect to its mathematical function by distinguishing arithmetic analogy from geometric analogy, and harmonic analogy. Finally, analogy is treated in the context of rhetoric, where the relationship between analogy, simile and metaphor is elucidated and the reason for the semantic indeterminacy of analogies and metaphors is explained. A study of the interaction of analogies on the various linguistic levels of a poem follows. The article ends by analysing narrative literature and pointing out its hypothetical character. It transpires that narration is not possible without argumentation, and that both are based on the construction of analogies.

Zusammenfassung. Dieser Beitrag zeigt, dass die Analogiebildung konstitutiv ist für den literarischen Diskurs, und behandelt Metaphern als Sonderformen der Analogie auf semantischer Ebene. Die Struktur der Analogie wird zunächst charakterisiert im Hinblick auf ihre Funktion in der Logik und ihr Verhältnis zu den Schlussformen der Induktion, Deduktion und Abduktion (Hypothese). Dann wird sie im Hinblick auf ihre Funktion in der Mathematik behandelt, wobei zwischen arithmetischer, geometrischer und harmonischer Analogie unterschieden wird. Schließlich wird die Funktion der Analogie in der Rhetorik beschrieben, wobei die Beziehung zwischen Analogie, Gleichnis und Metapher erläutert und der Grund für die semantische Unbestimmtheit von Analogie und Metapher erklärt wird. Es folgt eine Analyse des Zusammenwirkens von Analogien auf den verschiedenen Sprachebenen im Gedicht. Abschließend wird die erzählende Literatur einbezogen und deren hypothetischer Charakter herausgearbeitet. Wie sich zeigt, gibt es Narration nicht ohne Argumentation, und beide sind auf Analogiebildung angewiesen.

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Negative Stadtmetaphern

Svend Erik Larsen

Summary. In literary studies metaphors are often regarded as purely verbal phenomena, whereas cognitive semantics takes metaphors to be mental processes independent of the medium in which they are manifested. In contrast to these approaches, the present contribution understands metaphor as being shaped by the way in which a given medium articulates relations of similarity. In addition, metaphor is treated as a pragmatic, i.e. context-dependent and dialogic, phenomenon and not as a purely logical one. On the basis of this approach it is asked how and why negation in metaphors does not eliminate the metaphorical process, but constitutes a specific way of supporting it, suitable for the semiotization of dynamic cultural phenomena such as the modern metropolis.

Zusammenfassung. In der Literaturwissenschaft hält man Metaphern oft für rein sprachliche Erscheinungen, während die kognitive Semantik Metaphern als geistige Prozesse betrachtet, die unabhängig sind von dem Medium, in dem sie auftreten. Im Gegensatz zu diesen beiden Ansätzen begreift der vorliegende Beitrag die Metapher als medienspezifischen Prozess, der dadurch geprägt ist, wie ein gegebenes Medium Ähnlichkeitsbeziehungen ausdrückt. Die Metapher gilt hier nicht als bloß logisches Phänomen, sondern wird als pragmatisch, d.h. kontextabhängig und dialogisch aufgefasst. Von diesem Standpunkt aus wird untersucht, wie und warum man mit der Verneinung einer Metapher nicht den Metaphernprozess zum Erliegen bringt, sondern ihn im Gang hält und damit sogar dynamische Kulturerscheinungen wie die moderne Großstadt der Semiotisierung zugänglich macht.

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Raum und Metapher

Alexandros Ph. Lagopoulos

Summary. Proceeding from the thesis that there is no metaphor without metonymy, a thesis based on the work of Jakobson, Lévi-Strauss, Greimas, and Eco, the present essay studies the spatial metaphors realized in buildings and settlement areas as enriched metonymies. Cultures are treated as systems of semantic codes which are partially isomorphic so that the semes of one can refer to the semes of the other. In this framework, the European Middle Ages are understood as a pan-metaphoric culture which uses the semes of the zoomorphic and phytomorphic code as metaphors for semes of the religious code. Similar conceptions are to be found in the precapitalist societies of non-Western cultures, for example in the Fali of Kangu in Cameroon, whose cosmogonic myths identify the structure of human bodies and human families with the structure of their dwellings and settlements. In contrast, the capitalist societies of Western cultures have developed independent architectural and settlement codes with house and town models of their own: the progressivist model, which interprets the house as a dwelling-machine and the town as an organism structured according to the various functions of life; the culturalist model, which orients itself at the building forms and settlement forms of the past; and the naturalist model, which no longer designs houses and towns in opposition to nature, but as part of it. In differing ways, all three models are based on the metaphor of organs and organisms. Postmodernism deconstructs these models by deliberately eclecticistic choices and combinations of building and settlement forms selected from all over the world, which metaphorically express a postulated genius loci or a theme belonging to it.

Zusammenfassung. Ausgehend von der These, dass es keine Metapher ohne Metonymie gibt, die durch Überlegungen von Jakobson, Lévi-Strauss, Greimas und Eco begründet wird, untersucht der vorliegende Beitrag die Raummetaphern der Gebäude- und Siedlungsformen als angereicherte Metonymien. Kulturen werden als Systeme von semantischen Kodes behandelt, die teilweise strukturgleich sind, so dass die Seme des einen auf die entsprechenden Seme des anderen verweisen können. Das europäische Mittelalter lässt sich in diesem Rahmen als panmetaphorische Kultur verstehen, in der die Seme aus dem zoomorphen und dem phytomorphen Kode als Metaphern für Seme aus dem religiösen Kode verwendet werden. Ähnliches gilt auch für die vorkapitalistischen Gesellschaften nichtwestlicher Kulturen wie zum Beispiel die Fali von Kangu in Kamerun, die aufgrund ihrer mythischen Kosmogonien metaphorische Identifizierungen vornehmen zwischen der Struktur menschlicher Körper und Familien und der Struktur ihrer Behausungen und Siedlungen. Die kapitalistischen Gesellschaften westlicher Kulturen haben demgegenüber unabhängige Architektur- und Siedlungskodes mit eigenständigen Haus- und Stadtmodellen entwickelt: das Fortschrittsmodell, welches das Haus als Wohnmaschine und die Stadt als nach Lebensfunktionen gegliederten Organismus auffasst; das kulturalistische Modell, das sich an den Bau- und Siedlungsformen der Vergangenheit orientiert; und das naturalistische Modell, nach dem Häuser und Städte nicht mehr im Gegensatz zur Natur, sondern als Teil derselben entworfen werden. Allen drei Modellen liegt auf verschiedene Weise die Metapher von Organ und Organismus zugrunde. Diesen Modellen setzt die Postmoderne die bewusst eklektizistische Zusammenstellung von Architektur- und Siedlungsformen aus der gesamten überschaubaren Welt entgegen, welche einen postulierten genius loci oder ein zu diesem gehöriges Thema metaphorisch zum Ausdruck bringt.

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