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TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Wahrnehmung und Gesellschaft


Jahr: 1981
Band: 3
Heft: 2/3

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Suitbert Ertel
Prägnanztendenzen in Wahrnehmung und Bewußtsein

Gerhard Braun
Präsentation versus Repräsentation. Zur Beziehung zwischen Zeichen und Objekt in der visuellen Kommunikation

Götz Großklaus
Konnotative Typen alltäglicher Wertverständigung

Wolfgang Fritz Haug
Ideologische Werte und Warenästhetik am Beispiel der Jeanskultur

Helmut Richter
Semiotische Aspekte in der Geschichte der Wahrnehmungstheorie

Einlage
Brigitte Uhde-Stahl
Christos "Running Fence". Versuch einer semiotischen Analyse

Diskussion
Pierre Maranda
Semiotik und Anthropologie. Mit Stellungnahmen von Karl Eimermacher, Jerzy Pelc und H. Walter Schmitz

Literaturbericht
Christian Stetter
Konstruktionen versus Positionen. Beiträge zur Diskussion um die konstruktive Wissenschaftstheorie


Prägnanztendenzen in Wahrnehmung und Bewußtsein

Suitbert Ertel, Universität Göttingen

Summary. An attempt is made to find theoretical and empirical relations between formal aspects of perception and cognition. The Gestalt notion of Prägnanz covers a wide range of laboratory and field observations on perceptual dynamics. The principle is also applicable to historical material reflecting the history of mind, science, and philosophy. Theoretically, however, the author regards it as necessary to fuse the Prägnanz principle of Gestalt psychology with the principle of entropy-reduction which draws on information-exchanges between organism and environment (Klix 1971). The dynamics of Prägnanz or entropy-reduction, are assumed to underlie thinking and linguistic behavior. With the help of content analysis and a standardized dictionary of formal and modal terms (DOTA-dictionary), the author has tested various hypotheses derived from the Prägnanz principle. Systematic longitudinal coding of appropriate text samples seems to reflect changes of entropy intolerance among individuals or groups of authors. The integrative consequences of the theory and the applied perspectives of the linguistic research tool (measurement of ideological changes) need further confirmation.

Zusammenfassung. Ein Versuch der theoretischen Verknüpfung formaler dynamischer Aspekte in Wahrnehmung und Kognition führt zum gestaltpsychologischen Begriff der Prägnanz. Prägnanztendenzen lassen sich nicht nur an künstlichen Laborvorlagen, sondern auch im Alltag demonstrieren. Anhand einzelner Beispiele mittelalterlicher Weltvorstellungen wird die Bedeutung des umfassenden Prinzips auch für geistes- und ideologiegeschichtliche Fragen herausgestellt. Das Prägnanzprinzip der traditionellen Gestalttheorie läßt sich mit dem Prinzip der Entropiereduktion, das im Modell des Informationsaustauschs zwischen Organismus und Umgebung eine grundlegende Rolle spielt (Klix 1971), sinnvoll verbinden. Die Dynamik der Prägnanz oder Entropiereduktion wird auch für das Denken und die Sprachverwendung in Anspruch genommen. Als Forschungsinstrument wurde ein empirischer Indikator - das inhaltsanalytisch verwendbare DOTA-Lexikon - entwickelt. Es soll die unterschiedlichen Prägnanzniveaus ermitteln, die der Produktion verschiedener Textmengen zugrundeliegen. Einige Validitätsstudien stützen diese Interpretation. Neben der thematischen Integration, die der Prägnanz- und Entropiebegriff ermöglicht, steht für die weitere Forschung auch der Anwendungsgesichtspunkt des DOTA-Verfahrens im Vordergrund: Die fortlaufende Messung der Veränderung von Ideologie und der Stärke einzelner ihrer Komponenten und deren Bekanntmachung könnte krisendämpfende Regelungsprozesse zur Folge haben.

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Präsentation versus Repräsentation. Zur Beziehung zwischen Zeichen und Objekt in der visuellen Kommunikation

Gerhard Braun, Hochschule der Künste Berlin

Summary. This essay analyzes the possible relations and boundaries between a sign and its designated object. The question is how useful the classical conceptual triad, icon/index/symbol, can be for such an analysis. First, some types of indexical relations between signs and objects are discussed: symptoms, signs indicating characteristics of their production, samples, index systems, ostensive signs. Then, different sorts of arrows are analyzed, with the result that they can have either a presentational or a representational function, depending on the sign context and on the situation of sign use. In conclusion, the classical triad, icon/index/symbol, is transformed into two binary distinctions that can be combined to form four semantic terms: iconic presentation, conventional presentation, iconic representation and conventional representation.

Zusammenfassung. Die folgenden Ausführungen über die Beziehungen und Grenzen zwischen Zeichen und Objekt sind mit der Frage verbunden, inwieweit das semantische Begriffsinstrumentarium "Ikon/Index/Symbol" für eine solche Untersuchung hilfreich ist oder nicht. Zunächst wird der Versuch gemacht, einen differenzierten Katalog indexikalischer Funktionen zu bilden: Anzeichen, Zeichen als Anzeichen ihrer Herstellung, exemplarische Proben, Anzeigsysteme, Zeigzeichen. Eine exemplarische Untersuchung von Pfeil-Zeichen soll dann nachweisen, daß Zeichen - je nach Benutzung in einem bestimmten Kontext und einer bestimmten kommunikativen Situation - eine präsentierende oder eine repräsentierende Funktion haben. Die klassische Dreigliedrigkeit der Zeichen-Objekt-Beziehung wird schließlich zugunsten einer zweigliedrigen Kombination der semantischen Begriffe umgeformt: Ikonische Präsentation, konventionelle Präsentation und ikonische Repräsentation, konventionelle Repräsentation.

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Konnotative Typen alltäglicher Wert-Verständigung

Götz Großklaus, Universität (TH) Karlsruhe

Summary. This essay is based on the assumption that the members of a society communicate continually about value concepts. This is done by means of everyday messages conveyed in texts of all semiotic classes. Communication about value concepts relies on a connotative standard of semiotic performance, i.e. a connotative code. This code determines the patterns of connotative signification and the way they are decoded. Starting from a basic meaning (denotation), the connotative code generates a meaning of this meaning (second meaning), a meaning of the second meaning (third meaning), etc. This chain ends in value concepts. The historically existing connotative codes must be subjected to empirical research analyzing three types of messages: one-place, two-place, and three- or more-place connotation.

Zusammenfassung. Der Aufsatz geht davon aus, daß die Gesellschaftsmitglieder sich immer wieder neu, alltäglich über die vereinbarten Ziel-Bedeutungen als Werte zu verständigen haben. Verständigung bedarf der Veröffentlichung und der Mitteilung von Wertverhältnissen in Texten aller semiotischen Klassen. Es wird angenommen, daß diese Wert-Verständigung im Rahmen einer konnotativen Verwendungsnorm bzw. eines konnotativen Codes erfolgt. Verwendungsnorm/Code legen die Textform des konnotativen Verweises ebenso fest wie die Rezeptionsform der konnotativen Anschluß-Findung. Der angenommene Code regelt die Zuordnung von zweiter, dritter und jeder weiteren Bedeutung zu einer Ausgangsbedeutung (Denotation): er regelt somit die Zuordnung von Ziel-Bedeutung als Wert. Der jeweils geschichtliche konnotative Code bzw. die konnotative Verwendungsnorm bedürfen des empirischen Nachweises. Die zu fordernde empirische Untersuchung wird sich auf die strukturelle Analyse von drei Grundtypen konnotativer Wert-Verständigung in Texten beziehen müssen: Typen einstelliger, zweistelliger und drei und mehrstelliger konnotativer Repräsentation.

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Ideologische Werte und Warenästhetik am Beispiel der Jeanskultur

Wolfgang Fritz Haug, Freie Universität Berlin

Summary. This essay is intended to be a contribution to the theory of mass culture in capitalist society. The author combines the approaches of culture-analysis and commodity-aesthetics with the approach to ideology developed by the members of "Projekt Ideologietheorie", a research group at the Free University of Berlin. He starts out from the hypothesis that products such as blue jeans contain the promise of a certain utility value and he goes on to examine the semiotic structure of this promise. The analysis leads to the conclusion that every product is located in a sphere of the imagination. In product brands marketed by monopolies, this sphere of imagination becomes part of an aesthetic supersign that is supplied along with the product. The supersign establishes models of behaviour which are internalized in the consumers' minds, thereby affording them an imaginary identity. A case study in sexual pathology shows that this imaginary identity can, under extreme circumstances, become strikingly real. In general, however, it is rather unstable, as is demonstrated by the occurrence of "Epimethean shame". In their attempt to overcome each other, jeans culture and gentlemen's fashion turn to their use even the taboos of religion and the arts. This leads the author to his final thesis: Commodity-aesthetics today functions as a para-ideological force; as such, it has become more powerful than religion and the arts.

Zusammenfassung. Der Aufsatz soll beitragen zur Analyse von Massenkultur im Kapitalismus. Versucht wird eine Synthese von Ideologietheorie (wie sie vom "Projekt Ideologietheorie" ausgearbeitet wird), von Kulturtheorie und Warenästhetik. Die massenkulturellen Verwendungen von "blue jeans" dienen als Material für eine exemplarische Analyse. Diese Analyse hat zum Ziel, das widersprüchliche Zusammenspiel der Instanzen des Kulturellen, der Warenästhetik und des Ideologischen zu klären. Angesetzt wird beim ästhetischen Gebrauchswertversprechen von Jeans; seine Bedeutungsstruktur wird untersucht. Die Untersuchung kommt zu der These, daß die imaginären Räume kulturelle Handlungen induzieren. Es wird gezeigt, daß die Ästhetik von Monopol-Waren Vor-Bilder aufbaut, die in Identitätsprozesse eingreifen können. Soweit dieser Mechanismus funktioniert, versichern sich die Individuen ihrer Identität, indem sie sich anstrengen, die Vorbilder widerzuspiegeln. Diese Abbild-Identität ist notwendig instabil; es kommt zur "epimetheischen Scham"; hieraus resultiert wiederum die Instabilität der warenästhetischen Superzeichen. An einer sexualpathologischen Fallgeschichte wird gezeigt, daß im Grenzfall die Imaginationen zuschlagen können. Schließlich werden die Konflikte zwischen Jeanskultur und bürgerlicher Herrenmode untersucht. An der Funktionalisierung von Religion und Kunst durch die Warenästhetik wird die Schlußthese entwickelt: Warenästhetik fungiert als para-ideologische Macht. Die Tabus der religiösen Macht und der Kunst sind ihr unterlegen.

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Semiotische Aspekte in der Geschichte der Wahrnehmungstheorie

Helmut Richter, Freie Universität Berlin

Summary. In the first part of this paper, action vs. behavior, problems of functionality and self-regulation, and the possibilities and limitations of hermeneutic methodology within the entire extent of semiotic research are introduced as relevant aspects for a study of the history of psychological theories of perception from a semiotic viewpoint. These aspects are considered in part two as a means of characterizing and discussing the everyday understanding of perception and elementarist, behaviourist, phenomenalist, and Gestalt conceptions of perception. It is suggested that semiotics is not to be regarded as a study of actions - i.e. as something above "mere" behavioural sciences - if one is going to admit perception as an object of this discipline. Some problems and the "delegationist" danger of this position are commented on.

Zusammenfassung. Als semiotikrelevante Gesichtspunkte für eine Untersuchung der Geschichte psychologischer Wahrnehmungstheorien werden im ersten Teil des Aufsatzes das Begriffspaar Handeln und Verhalten, Probleme der Funktionalität und Selbstregulation sowie Möglichkeiten und Grenzen einer hermeneutischen Methode in der ganzen Extension semiotischer Forschung herausgearbeitet. Im zweiten Teil dienen diese Gesichtspunkte zur Charakterisierung und Diskussion des Alltagsverständnisses der Wahrnehmung sowie elementaristischer, behavioristischer, phänomenalistischer und gestalttheoretischer Wahrnehmungskonzeptionen. Der Text kommt zu dem Ergebnis, daß die Semiotik nicht als - über "bloßen" Verhaltenswissenschaften stehende - Handlungswissenschaft betrachtet werden kann, sofern ihr eine Zuständigkeit für die Wahrnehmung zugebilligt wird; Probleme und die "delegationistische" Gefahr einer solchen Auffassung werden aufgezeigt.

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