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TU Berlin

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Fragestellungen sowjetischer Semiotik


Jahr: 1982
Band: 4
Heft: 1/2

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Redaktion Karl und Renate Eimermacher

Karl Eimermacher
Zur Entstehungsgeschichte einer deskriptiven Semiotik in der Sowjetunion

Vjaceslav Vsevolodovic Ivanov
Einleitung zum Sammelband "Symposium zur strukturellen Erforschung von Zeichensystemen" (1962)

Vjaceslav Vsevolodovic Ivanov
Die Linguistik und die humanwissenschaftlichen Probleme der Semiotik. Zur Evolution vom darstellenden Zeichen zum syntaktischen Symbolzeichen (1968)

V. V. Ivanov und V. N. Toporov
Die struktur-typologische Vorgehensweise in der semantischen Interpretation von Werken der bildenden Kunst unter diachronem Aspekt (1977)

Vladimir Nikolaevic Toporov
Zur Herkunft einiger poetischer Symbole. Die paläolithische Epoche (1972)

Jurij Michajlovic Lotman
Kultur und Text als Sinngeneratoren (1979)

Analyse
Heinz Hafner
Das System und die Differenz

Projekt
Christa Nauck-Börner
Struktur und Bedeutung in der Musik. Der Beitrag Peter Faltins

Literaturbericht
Erhardt Güttgemanns
Semiotik und Theologie. Thesen zu Geschichte und Funktion der Semiotik in der Theologie


Zur Entstehungsgeschichte einer deskriptiven Semiotik in der Sowjetunion

Karl Eimermacher, Universität Bochum

Ju. M. Lotman zum 60. Geburtstag

Summary. The development of descriptive semiotics in the Soviet Union is considered to have taken place in two phases: the formation of semiotics between 1900 and 1930/40 and its revival in the 1950s/60s. During the first phase wide-ranging terminology was introduced; during the second, this terminology was related to more fundamental concepts and systematized under the influence of structural linguistics. While in the first phase the analytic function of semiotics played the main role, the synthetic aspect gains prominence in the second.

Zusammenfassung. Die Entwicklung der deskriptiven Semiotik in der Sowjetunion wird in zwei Phasen betrachtet: ihre Herausbildung zwischen 1900 und 1930/40 und ihre Neubegründung in den 50/60er Jahren. Charakteristisch ist für die erste Phase die Schaffung einer noch nicht durchsystematisierten Wissenschaftssprache, die in der zweiten Phase unter dem Einfluß der strukturellen Linguistik mehr und mehr auf ihre semiotischen Grundlagen hin weitersystematisiert worden ist. Während in der ersten Phase die analytische Funktion der Semiotik im Vordergrund steht, gewinnt in der zweiten Phase ihr
synthetischer Aspekt an Bedeutung.

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Einleitung zum Sammelband "Symposium zur strukturellen Erforschung von Zeichensystemen"

Vjaceslav Vsevolodovic Ivanov, Institut für Slawistik und Balkanistik, Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Moskau

Summary. Attempting to design a program of (descriptive) semiotics, Ivanov relates traditional semiotic terms (such as ,sign', ,sign system', ,expression and content levels', etc.) to the concept of a 'model' and to other concepts from structural linguistics and information theory. The objects of semiotic studies are specified and analyzed typologically. Semiotics is considered as a possible foundational discipline for the humanities.

Zusammenfassung. Ivanov setzt sich zum Ziel, auf der Grundlage traditioneller semiotischer Begriffe (,Zeichen', ,Zeichensystem', ,Ausdrucks- und Inhaltsebene' etc.) und in Verbindung mit dem Modellbegriff sowie mit anderen Begriffen der strukturellen Linguistik und der Informationstheorie thesenartig das Programm einer (deskriptiven) Semiotik zu entwerfen. Im Vordergrund stehen dabei neben der Benennung von Untersuchungsgegenständen der Semiotik vor allen Dingen auch zahlreiche Hinweise auf ihre typologisch ähnliche Struktur. Die Semiotik wird als mögliche Grundlagenwissenschaft der humanwissenschaftlichen Fächer angesehen.

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Die Linguistik und die humanwissenschaftlichen Probleme der Semiotik Zur Evolution vom darstellenden Zeichen zum syntaktischen Symbolzeichen

Vjaceslav Vsevolodovic Ivanov, Institut für Slawistik und Balkanistik, Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Moskau

Summary. Analyzing insights gained in linguistics, the fine arts and ethnology, Ivanov comes to the conclusion that there are universal laws governing the decomposition of complex signs into elementary signs as well as the combination of such elementary units into complex concepts or symbols. A typological comparison of the facts of reality with the complex concepts correlated with them is said to show that the latter are the result of various transformations (-> icon, -> index, -> icon + index etc.). The natural languages as well as texts (of myths, rites etc.) have universal semantic parameters in common which must be taken into account in the investigation of both lexical deep semantics and in the semantics of texts. From this Ivanov concludes that while linguistics is basic for the other humanities, these in turn are of great importance for the investigation of linguistic problems - a result which necessitates the cooperation of scholars from many fields of research.

Zusammenfassung. Aufgrund einer vergleichenden Analyse von Erkenntnissen der Linguistik, der bildenden Kunst und der Ethnologie kommt Ivanov zu dem Schluß, daß es universale Gesetze sowohl für die Zerlegung und Überführung komplexer Zeichen in elementare Zeichen als auch für die Kombination solcher Elementareinheiten zum Zwecke der Bildung komplexer Begriffe bzw. Symbole gibt. So zeige sich z. B. beim typologischen Vergleich zwischen Sachverhalten der Wirklichkeit und den mit ihnen korrelierten komplexen Begriffen, daß diese das Ergebnis von verschiedenen Transformationen sind ( -> icon, -> index, -> icon + index etc.). Hieraus sowie aus der Beobachtung, daß es in den natürlichen Sprachen genauso wie in Texten universale semantische Parameter gibt, die für die Erforschung sowohl der lexikalischen Tiefensemantik als auch jeder "Text"-Semantik (Mythen, Riten etc.) grundlegend sind, folgert Ivanov, daß nicht nur die Linguistik für andere humanwissenschaftliche Fächer wichtig ist, sondern diese ihrerseits für die Erforschung von Problemen der Linguistik eine große Bedeutung besitzen, was die Zusammenarbeit von Vertretern vieler Fächer notwendig macht.

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Die struktur-typologische Vorgehensweise in der semantischen Interpretation von Werken der bildenden Kunst unter diachronem Aspekt

Vjaceslav Vsevolodovic Ivanov und Vladimir Nikolaevic Toporov,
Institut für Slawistik und Balkanistik, Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Moskau

Summary. Part I of this article discusses processes of transformation applying to signs of various sign systems (e.g. the natural languages, writing systems, architecture, the fine arts etc.) and demonstrates the relevance of structural-typological research for the clarification of genetic relations between sign systems. According to the authors this research should be conducted through compiling sign dictionaries and grammars for various individual sign systems and through studying the modes of transformation that can be found in texts based on these systems. Part II analyzes the subject of the dragon slayer and its realizations in the fine arts. A basic structural scheme is reconstructed which takes account of the variants and invariants of historical representations of this subject. In Part III, the fact that the structural scheme seems to be valid universally gives rise to a discussion of its underlying anthropological constants. It is argued that such constants generally condition the structures of sign systems and explain stability or instability of semiotic structures in history.

Zusammenfassung. Im ersten Teil des Aufsatzes wird unter Hinweis auf analoge
Transformationsprozesse von Zeichen in unterschiedlichen Zeichensystemen (z. B. den natürlichen Sprachen, den Schriftsystemen, der Architektur, der bildenden Kunst etc.) die Wichtigkeit struktur-typologischer Untersuchungen für die Klärung der genetischen Bedingtheit der Struktur von Zeichensystemen überhaupt betont und empfohlen, zunächst bestimmte Lexika und Grammatiken einzelner Zeichensysteme zusammenzustellen und die Arten ihrer Transformation in Texten zu analysieren. Im zweiten Teil des Beitrags werden dann in einer eingehenden Analyse des Sujets vom Drachentöter in der bildenden Kunst aufgrund invarianter und variabler Strukturschemata Arten der Transformation seines rekonstruierten Grundschemas behandelt. Im Abschlußteil wird angesichts der großen struktur-typologischen Ähnlichkeiten zwischen den Ausformungen dieses universalen Grundschemas auf die Nützlichkeit solcher Untersuchungen auch für die Rekonstruktion von anthropologischen Konstanten hingewiesen, die die Voraussetzung für die Stabilität und Instabilität der Strukturen von Zeichensystemen darzustellen scheinen.

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Zur Herkunft einiger poetischer Symbole. Die paläolithische Epoche

Vladimir Nikolaevic Toporov, Institut für Slawistik und Balkanistik, Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Moskau

Summary. In this article, Toporov points out that even in the Palaeolithic period man possessed the capacity to transform reality into symbols and in this way to construct a symbolic world analogous to the factual. Aesthetically marked phenomena in paintings of the Palaeolithic period and of the era of the World Tree are analyzed. In Palaeolithic art the organization on the syntactic and semantic levels within each drawing was only rudimentary, but in each sanctuary the set of drawings as a whole showed an elaborate spatial arrangement, as is demonstrated by the distribution of male and female symbols. In the art of the era of the World Tree each drawing itself is organized syntactically and semantically; semantic oppositions can be observed that are arranged on two axes (vertical/horizontal). The overall subject of this period is the fight of the positive, light, and heavenly principle (top, right, red) with that of the negative, dark, and infernal (bottom, left, black).

Zusammenfassung. Toporov zeigt in diesem Beitrag, daß schon im Paläolithikum der Mensch über die Fähigkeit verfügte, die Umgebung in Symbole zu überführen und aus ihnen eine zur dinglichen Welt parallel liegende Welt der Symbole zu erzeugen. Es werden ästhetisch markierte Phänomene der Malerei des Paläolithikums und der ,Weltenbaum'-Epoche analysiert. Dabei stellt Toporov fest, daß in der paläolithischen Malerei innerhalb jeder einzelnen Zeichnung die Organisation auf syntaktischer und semantischer Ebene sehr schwach war. Das wurde kompensiert durch die Anordnung der jeweiligen Gesamtheit aller Zeichnungen im unterirdischen Heiligtum, z. B. die Distribution von männlichen und weiblichen Symbolen. In der Kunst der ,Weltenbaum'-Epoche ist die Darstellung selbst bereits syntaktisch und semantisch organisiert, wobei sich semantische Gegenüberstellungen ausmachen lassen, die syntaktisch auf zwei Achsen (vertikal/horizontal) angeordnet sind. Das allgemeine Sujet dieser Epoche ist der Kampf des positiven, hellen, mit dem Himmel verbundenen Prinzips (oben, rechts, rot) gegen das negative, dunkle, mit der Hölle verbundene Prinzip (unten, links, schwarz).

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Kultur und Text als Sinngeneratoren

Jurij Michajlovic Lotman, Universität Tartu (Dorpat)

Summary. Lotman discusses the essential features of intelligence in order to construct a model of artificial intelligence. Observing that every culture tends to increase the number of its sign systems and the diversity of its texts, he criticizes the practice of the humanities of studying only recurrent phenomena and their invariant models. Lotman argues for a stronger consideration of individual differences, i. e. of the creative aspect. Creativity in culture seems tied to text producing abilities such as those practiced by the interlocutors in dialogues. As an intellectual device of the individual and of a culture as a whole, creativity - in addition to logical inference and memory - must be taken into account in the modelling of artificial intelligence.

Zusammenfassung. Als Voraussetzung für die Modellierung einer künstlichen Intelligenz versucht Lotman, ein Modell der Intelligenz aufzustellen. Ausgehend von der Beobachtung, daß eine Kultur immer tendenziell darauf ausgerichtet ist, die Zahl ihrer Sprachen und die Vielfalt ihrer Texte zu vergrößern, stellt Lotman die bisherige Tendenz der Humanwissenschaften in Frage, nur die sich wiederholenden Erscheinungen und ihre invarianten Modelle zu untersuchen. Er will stattdessen die individuellen Unterschiede, d.h. den kreativen Aspekt, stärker berücksichtigen. Entsprechend der Rolle der Kreativität für die Entfaltung der Kultur ist auch die im Dialog vollzogene Kommunikation durch die Aktivierung der textbildenden Fähigkeit der Dialogpartner charakterisiert. Die bei der Beobachtung der intellektuellen Instrumentarien der Kultur und des Individuums gewonnenen Erkenntnisse ergeben für die Modellierung einer künstlichen Intelligenz, daß auch bei ihr neben logischen Fähigkeiten und Gedächtnis schöpferisches Denken gewährleistet sein muß.

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