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TU Berlin

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Auf der Suche nach einer Semiotik der Kulinarien. Ein Überblick über zeichenorientierte Studien kulinarischen Handelns

Werner Enninger, Universität Essen - Gesamthochschule

Summary. Given the absence of studies which explicitly attempt to apply semiotic models to the description of the culinary domain, this report will review studies that can be interpreted as sign-oriented. The term "sign-oriented" will be assigned to all studies which model culinary action as a process of semiosis. Such studies attempt to reconstruct the meaning of semiosis from either the factual culinary action conceived as a sign-carrier or the linguistic representation of factual culinary action. "Culinary action" is defined as meaningful action which is controlled by the perceptual, ethical, and aesthetic maps of a specific culture a) in the selection of food from edible material, b) in processing food, and c) in the organization of food consumption. These criteria restrict this report to studies which have been undertaken in linguistics, cultural anthropology, and ethnoscience.

Zusammenfassung. Keine der bisher vorliegenden Studien des Kulinarischen kann als der explizite Versuch der Anwendung eines semiotischen Modells auf kulinarisches Handeln angesehen werden. Daher konzentriert sich dieser Literaturbericht auf Studien, die als zeichenorientiert verstanden werden können. "Zeichenorientierte Studien" sollen alle Studien heißen, die kulinarisches Handeln als Zeichenprozeß modellieren, indem sie den Sinn des Zeichenprozesses entweder über das faktische kulinarische Handeln als Zeichenträger oder über die sprachzeichenhafte Repräsentation von faktischem kulinarischem Handeln zu rekonstruieren suchen. "Kulinarisches Handeln" soll ein sinnvolles Handeln heißen, das a) bei der Auswahl von Nahrung aus Eßbarem, b) bei der Zubereitung von Nahrung und c) bei der Organisation des Verzehrs durch perzeptive, ethische und ästhetische Orientierungstafeln einer spezifischen Kultur gesteuert wird. Diese Kriterien begrenzen diesen Literaturbericht auf Studien, die in den Paradigmen der Linguistik, der Kulturanthropologie und der Ethnotheorie konzipiert sind.

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Die Sprache der Weinprobe. Zur Entwicklung und Verwendung wissenschaftlicher Terminologien

Adrienne Lehrer, University of Arizona

Summary. Previous experiments which investigated wine descriptions by ordinary (nonexpert) wine drinkers showed that there was a great deal of individual variation and little consistency or consensus. The current study investigates the same topics with wine experts. The subjects in this study were scientists and advanced graduate students at a famous wine research institute. Results showed that on most tasks, the experts performed better (that is, showed great consensus among themselves) than the nonexperts, but their performance was particulary good on the kinds of wines with which they had had the most experience. The descriptions as well as the evaluations by the experts were influenced by preferences, just as was the case with the nonexperts. Finally, this study discusses the problems involved in creating an observationally adequate vocabulary in emerging sciences, along with the problems for assuring that all practitioners in the science use that vocabulary consensually.

Zusammenfassung. Früher durchgeführte Untersuchungen haben die Beschreibung von Weinen durch normale (nicht professionelle) Weintrinker zum Gegenstand. Sie zeigen beträchtliche Unterschiede zwischen den Versuchspersonen, große Schwankungen bei derselben Versuchsperson und geringe Übereinstimmung zwischen verschiedenen Versuchspersonen. Die vorliegende Studie untersucht dieselben Probleme bei professionellen Weintrinkern. Als Versuchspersonen dienten Wissenschaftler und fortgeschrittene graduierte Studenten eines berühmten Weinforschungsinstituts. Die professionellen Weintrinker lösten die meisten Aufgaben besser (d. h. sie zeigten mehr Übereinstimmung untereinander) als normale Weintrinker; ihre Leistung war besonders gut bei den Weinen, mit denen sie die meisten Erfahrungen hatten. Doch wurden die Weinbeschreibungen und die Weinbewertungen genau wie bei normalen Weintrinkern durch persönliche Präferenzen beeinflußt. Neu entstehende Wissenschaften müssen sich eine Terminologie schaffen, die einerseits beobachtungsadäquat ist und andererseits von allen Wissenschaftlern in übereinstimmender Weise gebraucht werden kann. Die vorliegende Studie diskutiert die mit diesen beiden Zielen verbundenen Probleme auf der Grundlage der genannten Untersuchungsergebnisse.

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Weindeskriptoren als semantisches Feld. Probleme ihrer Übersetzung

Christoph Küper, Technische Universität Berlin

Summary. In translating a semantic field one has to take account not only of the referential aspect of its elements but also of their paradigmatic position. The translation has to deal with two different, non-isomorphic semantic systems (the semantic fields in either language) and has to provide for one of them an equivalent system of equal size and equal internal structure within the other language. The semantic field of wine-descriptors is characterized by the fact that its expressions refer neither to "natural" things nor to "artificial" ones (artifacts); they have to do with perceptual properties. This fact seems to put constraints on the sort of expressions that are possible in this field. While the number of genuine field-structured expressions (i.e. lexicalized expressions referring to olfactory and gustatory aspects of wine) is comparatively small, a large number of field-external expressions have been introduced into and made part of the field. These expressions include metaphors, adjectives derived from concrete nouns, and expressions taken from a different terminological framework.

Zusammenfassung. Die Übersetzung eines semantischen Feldes wirft gegenüber der Übersetzung eines verwendungsorientierten Diskurses die besondere Schwierigkeit auf, daß neben dem referentiellen Aspekt der Einzelausdrücke insbesondere der paradigmatische Aspekt zu berücksichtigen ist. Die Übersetzung hat es mit zwei unter Umständen nicht isomorphen semantischen Systemen (den entsprechenden semantischen Feldern zweier Sprachen) zu tun, muß aber für das eine System eine möglichst adäquate Entsprechung gleichen Umfangs und gleicher interner Struktur in der Zielsprache entwickeln. Das semantische Feld der Weindeskriptoren ist dadurch charakterisiert, daß sich seine Elemente, die Einzelausdrücke, weder auf "naturgegebene" Dinge noch auf Artefakte beziehen, daß sie dennoch aber mit sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten zu tun haben. Diese Schwierigkeit spiegelt sich in der Art der Ausdrücke. Die Zahl genuin feldbezogener Wörter ist relativ klein; weitere Ausdifferenzierungen des Feldes stützen sich auf Metaphern, auf von Konkreta abgeleitete Adjektive und auf aus anderen Fachsprachen entlehnte Termini.

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Pasin long kukim bilong mipela. "Kochen nach unserer Art" in Neu-Guinea

Valerie Heitfeld-White, Universität Essen - Gesamthochschule

Summary. The title of this study indicates its theme: the importance of ethnological/cultural dimensions in semantic studies. Dictionary entries cannot replace the first-hand observation of what words mean to the native speaker within the framework of daily communication in his own society. This theme is elaborated in the field of cooking verbs in New Guinea Pidgin, in relation to the cooking verb universals tentatively formulated by Lehrer (1974).

Zusammenfassung. Wie bereits der Titel sagt, geht es in der vorliegenden Studie um die Rolle der kulturellen bzw. ethnologischen Dimension innerhalb von Bedeutungsuntersuchungen. Lexikalische Erläuterungen der Wortbedeutung sind wertlos, wenn sie nicht auf der direkten Beobachtung dessen beruhen, was ein Wort für seinen Benutzer im Rahmen der Alltagskommunikation der eigenen Gesellschaft bedeutet. Diese These wird durch die Analyse des Wortfeldes der Verben des Kochens im Neu-Guinea Pidgin bestätigt und mit Bezug auf die von Lehrer (1974) aufgestellten Universalien für Verben des Kochens diskutiert.

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Essen als Ritual, Zeichen, Mythos. Brasilianische Pointen

Monica Rector, Pontificia Universidade Catolica, Rio de Janeiro

Summary. When the hunger instinct is organized by social rules, food becomes a dish and eating becomes dining. Since rules organizing the hunger instinct normally function unconsciously, they are structurally connected with rules unconsciously determining other instincts. Social rules make dining a ritual that gives the dishes eaten a contextual meaning backed by myths. In many myths analogies are drawn between the structure of a meal and the structure of the social group eating it. This is exemplified by the feast of the Holy Virgin of Nazaré. Analogies between food taboos and sexual taboos are illustrated by Brazilian proverbs.

Zusammenfassung. Wenn gesellschaftliche Regeln den Hungerinstinkt organisieren, erhält Nahrung den Status einer Speise und Essen den des Speisens. Da diese gesellschaftlichen Regeln meist unbewußt befolgt werden, gerät der Hungerinstinkt in Zusammenhang mit anderen unbewußt geregelten Instinkten. Die gesellschaftliche Regelung macht das Speisen zum Ritual. Es verleiht den Speisen eine kontextuelle Bedeutung, die oft durch einen Mythos gestützt wird. Viele Mythen ziehen eine Analogie zwischen der Struktur einer Mahlzeit und der Struktur der sozialen Gruppe, die sie ißt. Als Beispiel wird das Fest der Heiligen Jungfrau von Nazaré beschrieben. Die Analogie zwischen Speisetabus und Sexualtabus wird durch brasilianische Sprichwörter illustriert.

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Kulinarisches Verhalten als zeichenhaftes Handeln. Eine sozialsemiotische Fallstudie der Amischen

Werner Enninger, Universität Essen - Gesamthochschule

Summary. The subject of investigation is the culinary behavior of the Old Order Amish (O.O.A.), an ethnic minority in the US. The goal of this study is to model the overt behavior of a specific O.O.A. community in procuring, processing and consuming food as sign-carriers of sign processes and thus to understand culinary behavior as meaningful social action. Parts of the arsenal of culinary actions, their syntactical arrangements and pragmatic constraints, it is argued, constitute a signal space whose semantic space lies on the dimensions of social relationship. It is postulated that that part of culinary actions in which a signal plane can be matched with a semantic plane has the status of a code. The actions of food procuring encode part of the group-internal and part of the group-transcending interaction networks. The actions of food-processing and consumption encode part of the culture's internal social organization, such as membership classification, stratification, role-distribution, and prestige ranks. While the group's verbal repertoire has primarily a referential function, the culinary code is part of those "nonverbal" repertoires which are primarily functional in signifying and communicating social relationships.

Zusammenfassung. Gegenstand der Untersuchung ist das kulinarische Verhalten der Old Order Amish (O.O.A.), einer ethnischen Minderheit in den U.S.A. Ziel der Untersuchung ist, das in einer bestimmten Gemeinde bei der Beschaffung, der Bearbeitung und dem Verzehr von Nahrung beobachtete Verhalten als Zeichenträger eines Zeichenprozesses zu modellieren und somit als sinnvolles soziales Handeln zu verstehen. Teile des Arsenals kulinarischer Handlungen, ihrer syntaktischen Arrangements und ihrer pragmatischen Vorkommensbeschränkungen konstituieren - so wird behauptet - einen Signalraum, dessen semantischer Raum auf der Dimension sozialer Beziehungen liegt. Für diesen Teil, bei dem ein Signalraum einem semantischen Raum zugeordnet werden kann, wird der Status eines Kodes gefordert. Die Auswahlhandlungen kodieren Teile der gruppeninternen und gruppenübergreifenden Interaktionsnetzwerke; die Verarbeitungs- und Verzehrhandlungen kodieren Teile der kulturinternen sozialen Organisation wie Mitgliedschaftskategorisierung, Schichtung, Rollenverteilung, Prestigeränge. Während das dreisprachige verbale Repertoire der Gemeinde primär bei der referentiellen Bewältigung der Welt funktional ist, gehört der kulinarische Kode zu jenen "nonverbalen" Zeichenrepertoires, die vor allem zur Signifikation und Kommunikation von Sozialbeziehungen dienen.

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