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TU Berlin

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Europäische Semiotiker der Zwischenkriegszeit


Jahr: 1984
Band: 6
Heft: 4

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Einleitung
Roland Posner
Vom Russischen Formalismus zur Glossematik. Europäische Semiotiker der Zwischenkriegszeit

Achim Eschbach
Karl Bühlers Zeichenbegriff und seine Beziehung zu Wittgensteins Spätphilosophie

Kvetoslav Chvatík
Jan Mukarovský, Husserl und Carnap

John Michael Krois
Ernst Cassirers Semiotik der symbolischen Formen

H. Walter Schmitz
Searle ist in Mode, Mannoury nicht: Sprech- und Hörakt im niederländischen Signifik-Kreis

Erhebung
Annemarie Lange-Seidl
Semiotik an den Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs und der Schweiz


Einleitung: Vom Russischen Formalismus zur Glossematik. Europäische Semiotiker der Zwischenkriegszeit

Roland Posner, Technische Universität Berlin

Summary. Semioticians working in Europe between World War I and II developed their approaches to the theory of signs in accordance with the local discussions in the centers of European intellectual life. They differed in the terms which they coined in order to refer to their goals, "Structuralism" (Jakobson), "Functionalism" (Mathesius and Mukarovský), "Philosophy of Symbolic Forms" (Cassirer), "Umwelt Research" (von Uexküll), "Structural Description" (Carnap), "Sematology" (Bühler), "Significs" (Mannoury), and "Glossematics" (Hjelmslev); but they discovered more and more that these terms only focused on different aspects of positions and oppositions they shared: against atomism and mechanism they all developed a holistic approach; against formalism they investigated sign function; against psychologism they showed the possibility of an inter-subjective analysis of meaning; against biographism and historicism they favored synchronic studies; against academic conservatism they introduced criteria for the criticism of sign behavior; against the self-isolation of the academic disciplines they practiced interdisciplinarity. The article sketches the historical context in which the semioticians that are treated in the other articles of this issue were working.

Zusammenfassung. Die europäischen Semiotiker der Zwischenkriegszeit haben ihre zeichentheoretischen Überlegungen zunächst unabhängig voneinander in Reaktion auf die örtliche Problemlage in den verschiedenen Zentren des geistigen Lebens entwickelt. Sie unterschieden sich in der Benennung ihrer Aufgabenstellungen: "Strukturalismus" (Jakobson), "Funktionalismus" (Mathesius und Mukarovský), "Philosophie der symbolischen Formen" (Cassirer), "Umweltforschung" (von Uexküll), "Strukturbeschreibung" (Carnap), "Sematologie" (Bühler), "Signifik" (Mannoury) und "Glossematik" (Hjelmslev); doch sie merkten von Jahr zu Jahr mehr, daß sie gleichartige Gegner und Ziele hatten: Sie waren alle gegen Atomismus und Mechanismus und für ganzheitliche Zeichenbetrachtung, gegen Formalismus und für die Einbeziehung der Zeichenfunktionen, gegen Psychologismus und für intersubjektive Bedeutungsanalyse, gegen Biographismus und Historismus und für den Ausbau synchronischer Untersuchungen, gegen akademischen Konservatismus und für systematische Zeichenkritik, gegen die Selbstisolierung der Einzelwissenschaften und für die Erforschung der interdisziplinären Grundlagen aller Wissenschaften. Der Beitrag skizziert den historischen Kontext, in dem die Semiotiker gearbeitet haben, die in den weiteren Beiträgen des vorliegenden Heftes dargestellt werden.

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Karl Bühlers Zeichenbegriff und seine Beziehung zu Wittgensteins Spätphilosophie

Achim Eschbach, Universität GH Essen

Summary. The article reconstructs the development of Bühler's conception of the sign until his emigration in 1938 and discusses, on that basis, the content of two unpublished sematological works by Bühler. It relates Bühler's thinking with that of the later Wittgenstein and argues that Wittgenstein's dissociation from the Tractatus logico-philosophicus was partially influenced by Bühler's teaching in the Vienna of the 1920s.

Zusammenfassung. Der Aufsatz rekonstruiert die Entwicklung des Bühlerschen Zeichenbegriffs bis zu Bühlers Emigration 1938 und diskutiert auf dieser Grundlage den Inhalt zweier noch unveröffentlichter sematologischer Arbeiten Bühlers. Anschließend setzt er die Überlegungen Bühlers in Bezug zu denen des späten Wittgenstein und begründet so die These, daß Bühlers Lehren im Wien der 20er Jahre eine wichtige Rolle bei der Abkehr Wittgensteins von der zeichentheoretischen Konzeption seines Tractatus logico-philosophicus gespielt haben.

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Jan Mukarovský, Husserl und Carnap

Kvetoslav Chvatík, Universität Konstanz

Summary. After giving a sketch of Mukarovský's academic career, the article outlines his conception of the semiotics of art, relating it to the famous "Theses" of the Linguistic Circle of Prague. The autonomy of the aesthetic sign and its basis in the aesthetic function of semiosis are discussed with respect to the physicalistic and psychologistic approaches to the theory of signs current at the beginning of the twentieth century. The relationship of Mukarovský's thinking to Husserl's phenomenology and to the philosophy of science of Carnap and the Vienna Circle is treated in detail.

Zusammenfassung. Der Aufsatz schildert zunächst Mukarovskýs akademische Laufbahn und behandelt dann ausgehend von den berühmten "Thesen" des Prager Linguistenkreises die Kunstsemiotik Mukarovskýs. Die Autonomie des künstlerischen Zeichens und ihre Grundlage in der ästhetischen Funktion des Zeichenprozesses werden in Gegenüberstellung mit den physikalistischen und psychologistischen semiotischen Ansätzen vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts diskutiert. Besonders eingehend setzt sich der Aufsatz mit den Beziehungen der Mukarovskýschen Kunstsemiotik zu Husserls Phänomenologie und zur Wissenschaftstheorie von Carnap und dem Wiener Kreis auseinander.

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Ernst Cassirers Semiotik der symbolischen Formen

John Michael Krois, Emory University, Atlanta

Summary. The article presents a systematic and historical introduction to Cassirer's theory of signs. Part 1 outlines Cassirer's life and works and describes the influence other thinkers had on him. Parts 2 and 3 sketch Cassirer's approach to the problem of meaning and to "semiotics". Part 4 examines his central concepts of "symbolic form" and "symbolic pregnance". Part 5 summarizes his conception of a framework for semiotic research.

Zusammenfassung. Der Aufsatz gibt eine historisch-systematische Einführung in das zeichentheoretische Denken Cassirers. Teil 1 umreißt Cassirers Leben und Werk und bezieht wichtige Einflüsse anderer Denker auf seine geistige Entwicklung mit ein. Im 2. und 3. Teil werden Cassirers Zugang zum Problem der Bedeutung und sein Verhältnis zur "Semiotik" beschrieben. Teil 4 untersucht Cassirers Hauptbegriffe der "symbolischen Form" und der "symbolischen Prägnanz". Teil 5 charakterisiert zusammenfassend seine Konzeption der semiotischen Forschung.

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Searle ist in Mode, Mannoury nicht: Sprech- und Hörakt im niederländischen Signifik-Kreis

H. Walter Schmitz, Universität Bonn

Summary. The article compares the semiotic conceptions of Mannoury and the Significs movement in the Netherlands with the approach to the theory of speech acts developed later by Austin, Searle, and British Analytical Philosophy. In contrast with speech acts, language acts in Mannoury's sense are not mere applications of independently existing word meaning and sentence meaning but the basis for their genesis. Language acts are not restricted to speakers only but include the actions of hearers and the mutual expectations of speakers and hearers. The article analyses the intricate interaction of memory, internal experience, perception, volition, and emotion in the speaker's and hearer's performance of a language act, thereby laying the groundwork for a typology of such acts.

Zusammenfassung. Der Aufsatz stellt die zeichentheoretischen Auffassungen von Mannoury und der Signifik-Bewegung in den Niederlanden dem Ansatz zu einer Sprechakttheorie gegenüber, der später von Austin, Searle und der britischen Analytischen Philosophie entwickelt worden ist. Im Gegensatz zu Sprechakten sind Sprachakte im Sinne Mannourys nicht bloße Anwendungen von unabhängig existierenden Wort- und Satzbedeutungen, sie sind vielmehr die Grundlage für
deren Entstehung. Ein Sprachakt wird nicht nur vom Sprecher vollzogen, sondern schließt Handlungen des Hörers und gegenseitige Erwartungen von Sprecher und Hörer mit ein. Der Aufsatz untersucht das komplexe Zusammenwirken von Erinnerungen, inneren Erfahrungen, Perzeptionen, Volitionen und Emotionen im gemeinsamen Vollzug eines Sprachaktes durch Sprecher und Hörer und liefert damit Hinweise für den Aufbau einer Typologie der Sprachakte.

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