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TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Zeichentheorie und Pädagogik


Jahr: 1985
Band: 7
Heft: 4

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Silke M. Kledzik
Das exemplarische Prinzip und seine semiotische Basis

Howard Gardner
Die Entwicklung von Symbolkompetenz bei Kindern

Gerhard Schurz
Denken, Sprache und Erziehung: Die aktuelle Piaget-Kontroverse

Einlage
Werner Enninger und Stephen Scott
Kutschen als Dinge und Zeichen. Zur Semiotik des Fahrzeug-Designs

Erhebung
Annemarie Lange-Seidl
Semiotik an den Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs und der Schweiz


Das exemplarische Prinzip und seine semiotische Basis

Silke M. Kledzik, Universität des Saarlandes

Summary. Teaching and learning by examples, one of the principal concepts of didactics, has nearly disappeared from present-day pedagogical discussions. Here, an attempt is made to revive this notion and to clarify it by means of a linguistic and semiotic analysis. The semiotic features of examples are specified, such as the simultaneity of possession of and reference to a given property. In conclusion, the importance of teaching and learning by examples is pointed out, especially as a "way of world-making" in the educational context.

Zusammenfassung. Obwohl die Diskussion um das sogenannte exemplarische Prinzip nahezu verebbt ist, sollte der Begriff des Exemplarischen als ein zentraler Begriff der allgemeinen Didaktik nicht in Vergessenheit geraten. Der vorliegende Versuch einer sprachkritischsemiotischen Klärung des Begriffs konzentriert sich auf die Frage nach dem Zeichencharakter von Exemplarischem und seine nähere Bestimmung. Wie gezeigt wird, fungieren Beispiele in exemplarischem Lehren und Lernen als Zeichen, die zugleich eine bestimmte Eigenschaft besitzen und auf sie verweisen. Bereits anhand dieser ersten Bestimmung wird die Wichtigkeit erkennbar, die der Verwendung solcher Zeichen für die Erschließung von Welt insbesondere in erzieherischen Zusammenhängen zukommt.

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Die Entwicklung von Symbolkompetenz bei Kindern

Howard Gardner, Harvard Project Zero, Boston

Summary. The task for the analyst would be simple if there were a single symbol system to be mastered, and only one kind of individual to master it. In fact, however, research from several fields has now established that human beings are capable of gaining proficiency in several symbol systems, that each symbol system operates in part according to its own set of principles; and that individuals of different ages and degrees of sophistication approach the task of acquiring symbolic literacy in distinctive ways. In this paper, a normative description of the course of symbolic development is provided. Following a period of mundane symbol mastery in infancy, young children attain an initial competence in dealing with a range of symbol systems in their culture (e.g. language, gesture, picturing, numbers). Some psychological processes (called "streams") prove specific to each symbol system, while others (called "waves") appear to operate in parallel fashion across some or several symbol systems. By school age, the major task confronted by the child is the mastery of notations, or second-order symbol systems. These systems entail features of reduction, systematicity and legibility. The way in which mastery of notational symbolization occurs reflects both the developmental stage of the learner and his cognitive style: some children operate by using a narrative or dramatic approach to symbol systems, while others employ a configurational or patterning approach. At the conclusion of the paper, some pedagogical implications of this perspective on symbolic development are introduced.

Zusammenfassung. Die Aufgabe des Analytikers wäre einfach, wenn es nur ein einziges Symbolsystem zu meistern gäbe und wenn nur eine Art von Individuen es zu meistern hätte. Tatsächlich jedoch hat die Forschung auf verschiedenen Gebieten jetzt erwiesen, daß menschliche Wesen unterschiedliche Symbolsysteme beherrschen lernen können, daß jedes Symbolsystem nach eigenen Prinzipien funktioniert, daß schließlich Individuen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Wissensstufe den Erwerb symbolischer Literalität verschieden angehen. Der vorliegende Aufsatz beschreibt normativ, wie die Entwicklung von Symbolkompetenz verläuft. Nach einer Periode des Erwerbs der Weltsymbolisierung in der frühen Kindheit erlangen kleine Kinder erste Kompetenz im Umgang mit einer Reihe von Symbolsystemen ihres Kulturkreises (z.B. Sprache, Gestik, bildliche Darstellung, Zahlen). Einige psychologische Prozesse ("Felder") erweisen sich als spezifisch für das jeweilige Symbolsystem, während andere ("Schübe") sich auf entsprechende Art und Weise quer durch mehrere Symbolsysteme auszuwirken scheinen. Im Schulalter wird das Kind mit der wichtigen Aufgabe der Beherrschung von Notationen, d.h. Symbolsystemen zweiter Ordnung, konfrontiert. Diese Systeme besitzen unter anderem die Merkmale der Reduziertheit, Systemhaftigkeit und Lesbarkeit. Die Art und Weise, in der die notationale Symbolisierung gemeistert wird, spiegelt sowohl die Entwicklungsstufe des Lernenden als auch seinen kognitiven Stil wider: Einige Kinder verfügen über einen narrativen beziehungsweise dramatischen Zugang zu Symbolsystemen, während andere von einem konfigurativen beziehungsweise mimetischen Zugang Gebrauch machen. Abschließend stellt der Aufsatz einige pädagogische Konsequenzen aus dieser Auffassung der Entwicklung von Symbolkompetenz vor.

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Denken, Sprache und Erziehung: Die aktuelle Piaget-Kontroverse

Gerhard Schurz, Universität Salzburg

Meiner Mutter zum 50. Geburtstag gewidmet

Summary. Piaget's theory of knowledge, his developmental psychology, his theory of language, and his pedagogics are reconstructed and scrutinized here from both a theoretical and an empirical point of view. The following theses expounded by Piaget are shown to be problematic or untenable: (1) Logical structures can be explained by psychological development processes; (2) cognitive structures arise from action, not from perception; (3) thought is independent from language and language plays a secondary role in cognitive development; (4) cognitive concepts are learnable only through individual discovery. In conclusion, two of Piaget's basic assumptions are replaced by the following ones: (A) Cognitive development is not controlled by general structures, but by content-specific (interpretationdependent) structures; (B) It is not the level of structure, but the semiotic type of representation achieved for a cognitive structure that is characteristic of a given stage of a child's cognitive development.

Zusammenfassung. Piagets Erkenntnistheorie, Entwicklungspsychologie, Sprachtheorie und Pädagogik werden im folgenden rekonstruiert und von theoretischer und empirischer Seite her kritisiert. Folgende Thesen Piagets stellen sich als sehr problematisch (resp. unhaltbar) heraus: (1) Logische Strukturen seien durch psychologische Entwicklungsprozesse zu erklären; (2) kognitive Strukturen entstünden aus Handlungen, nicht aus Wahrnehmungen; (3) Denken sei nicht an Sprache gebunden und Sprache sei ein sekundärer Faktor der kognitiven Entwicklung; (4) kognitive Konzepte seien nur durch Selbstentdeckung lernbar. Abschließend werden zwei Grundannahmen Piagets korrigiert und durch folgende ersetzt: (A) die kognitive Entwicklung wird nicht durch allgemeine, sondern durch inhaltsgebundene (interpretationsbeschränkte) Strukturen gelenkt; (B) nicht die Strukturhöhe, sondern die semiotische Repräsentationsart kognitiver Strukturen ist der Schlüssel zum Verständnis der kognitiven Entwicklung des Kindes.

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Einlage: Kutschen als Dinge und Zeichen. Zur Semiotik des Fahrzeug-Designs

Werner Enninger und Stephen Scott, Universität GHS Essen

Summary. Carriages are not only antiquated things, but also complex signs. The design features of carriages used in the Old Order communities in Pennsylvania can be modeled as a codification of part of their social universe. Before the interactional opening this carriage-code functions as a signaling system that transmits to the interactants bits of information which are relevant for the organization of the ensuing interaction.

Zusammenfassung. Kutschen sind nicht nur antiquierte Dinge, sondern auch komplexe Zeichen. Die Design-Merkmale der Kutschen der Old-Order-Gemeinden in Pennsylvanien können als Kodifizierung von Teilen ihres sozialen Kosmos modelliert werden. Dieser Kutschen-Kode fungiert vor der Interaktionseröffnung als ein Signalsystem, das den Interaktanten Information vermittelt, die für die Organisation der anstehenden Interaktion relevant ist.

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